Weltgeschichten unserer Korrespondenten

El Corte Inglés
Spanischer Weihnachts-Coup

Das spanische Kaufhaus El Corte Inglés hat geschafft, wovon Werbetreibende nur träumen können: Die Zeichentrickfilme auf der Kaufhausfassade gehören für Spanien zu Weihnachten wie das Christkind. Eine Weltgeschichte.
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MadridIn Madrids Zentrum schieben sich an diesem Wochenende die Menschenmassen durch die Straßen. Die Polizei versucht die Gassen am zentralen Platz Sol so abzuriegeln, dass die Fußgängerströme sich in zwei Richtungen aufteilen und kein kompletter Stau entsteht. Es ist jedes Jahr dasselbe Schauspiel: Der 6. und der 8. Dezember sind Feiertage in Spanien – und viele nutzen sie, um in die Hauptstadt zu fahren – zum Weihnachtsshopping und zu Cortylandia.

So heißt die Kinder-Animation der Kaufhauskette El Corte Inglés. Jedes Jahr dekoriert der Konzern seine Fassade nahe Sol mit riesigen Figuren und spielt am Abend zur vollen Stunde einen Zeichentrickfilm samt Lichtershow und Musik. Für Spanier gehört Cortylandia zu Weihnachten wie in Deutschland der Weihnachtsmarkt – für die meisten ist es schier undenkbar, sich dieses Spektakel entgehen zu lassen. „Ich komme jedes Jahr hierher“, sagt Fran Pérez, die sich mit ihrem Mann und den zwei Kindern durch die Massen so nah wie möglich an die Fassade schiebt. Als sie klein war, haben ihre Eltern sie mit hierher genommen – jetzt lebt die Tradition in der nächsten Generation weiter.

Seit 1979 zeigt El Corte Inglés diese Show in seinem Haus in der Calle Preciados. Cortylandia gibt es inzwischen an mehreren Orten, doch dieser Standort bleibt für die Spanier der Klassiker. Der Konzern hat die Aktion damals gestartet, um die Erweiterung des Kaufhauses dort zu bewerben. Seitdem zeigt er jedes Jahr eine andere Show zu einem anderen Thema.

Im Schnitt sehen jedes Mal rund 3.000 Menschen die 20-minütige Show. Bei vielen sitzen die Kinder auf den Schultern – aber der geglückte Werbecoup zieht durchaus nicht nur Familien an. Die 39 Jahre alte Maria Caballero etwa ist allein aus Extremadura im Südwesten des Landes angereist. „Ich komme fast jedes Jahr“, sagt sie. „Manchmal mit Freundinnen und heute mit meiner Familie, die in der Nähe von Madrid wohnt. Cortylandia gehört einfach zu Weihnachten dazu.“

Ähnlich sieht das Cosme Solano, 71 Jahre alt, der mit seiner Frau Anni das Spektakel beobachtet. Sie waren zum Einkaufen im Zentrum und haben sich danach bis zu dem Happening vorgearbeitet. „Ich kann auch nicht richtig erklären, wieso das für uns so wichtig ist. Wir Spanier sind halt ein bisschen seltsam“, sagt er verschmitzt. Seine Frau erinnert sich dagegen an ihr persönliches Cortylandia-Highlight aus dem Jahr 1985. Damals zierte ein 18 Meter großer Gulliver die Fassade in der Calle Preciados, drei Tonnen schwer und bis heute bei vielen Spaniern unvergessen. „Natürlich will Corte Inglés damit nur mehr verkaufen, aber das war schon toll“, schwärmt die 57-Jährige.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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