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Weltgeschichte
Erhitzte Gemüter in Spanien

Die Katalonien-Krise ist in Spanien Gesprächsthema Nummer eins in Bars und Cafés. Der Polit-Krimi wird regelmäßig angeheizt – von Lügen, falschen Videos oder der Flucht der abgesetzten katalanischen Regierung.
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Vor zwei Monaten hat das katalanische Parlament das Gesetz für ein Unabhängigkeitsreferendum verabschiedet und damit offen gegen die spanische Verfassung verstoßen, die die Einheit des Landes vorsieht. Seit zwei Monaten erlebt Spanien einen Polit-Krimi, der das Land vollkommen gefangen hält. In Bars, Cafés, Restaurants, in Taxis, Bushaltestellen, beim Gemüsehändler oder Friseur – überall wird derzeit nur über die independentistas geredet, die Unabhängigkeitsbefürworter.

Ihre Behauptungen sind zum Teil so abstrus, dass sich selbst die Spanier, die sonst nichts mit Politik am Hut haben, in die Debatten einmischen. Die separatistische Bürgerbewegung Òmnium Cultural hat mehrere polemische Videos veröffentlicht, in dem junge Frauen auf Englisch verzweifelt die Unterdrückung Kataloniens anklagen.

Das erste Video mit dem Titel „Help Catalonia, Save Europe“ machte Mitte Oktober in sozialen Medien die Runde. Auf einem zweigeteilten Bildschirm wird dort die Bitte einer Ukrainerin kurz vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs eingeblendet, die die Welt um Hilfe bittet. Bilder von brennenden Autos in der Ukraine werden mit dem Gewalt-Einsatz spanischer Polizisten während des illegalen Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien am 1. Oktober gegengeschnitten. „Welches Verbrechen hatten diese Menschen begangen?“, fragt eine junge Katalanin mit Tränen in den Augen. „Sie wollten wählen.“ Und: „Spanien hat ein Maß an Gewalt angewandt, wie es nie zuvor von einem Mitgliedsstaat der Europäischen Union gesehen wurde.“

Auf die katalanische Schauspielerin, die Òmnium für das Video verpflichtet hatte, brach im Internet ein Shitstorm los, sie schloss alle ihre Konten in den sozialen Medien. Inzwischen sind zwei weitere Videos in ähnlichem Duktus erschienen, doch sie erregen die Gemüter weniger als das Erste.

Das Video, das zahlreiche weitere Unwahrheiten enthält, hat Spanien auch deshalb so erregt, weil Anfang Oktober zahlreiche gefälschte Videos von der Polizeigewalt während des Referendums kursierten. Es wurden Szenen von blutenden Katalanen gezeigt, die aus ganz anderen Jahren und Demonstrationen stammten. Zwar hat die spanische Polizei tatsächlich an einigen Orten Wähler geschlagen, die ihr den Weg versperren und so die Beschlagnahmung der Urnen verhindern wollten. Und das hätte nicht passieren dürfen.

Doch die Zahl der Opfer dieser Polizeigewalt – die international für herbe Kritik am spanischen Premier Mariano Rajoy gesorgt hat – scheint erheblich frisiert. Die katalanischen Behörden reden von über 1000 Opfern. Tatsächlich im Krankenhaus behandelt werden mussten aber nur vier – zwei von ihnen wurden zügig wieder entlassen.

Immerhin haben Videos und Lügen ihre beabsichtigte Wirkung weitgehend verfehlt. Es hat sich kein Land auf die Seite Kataloniens geschlagen. Der abgesetzte Regierungschef Carles Puigdemont ist zwar mit vier seiner Ex-Minister nach Brüssel geflohen – um sich der spanischen Justiz zu entziehen, aber auch in einem letzten Versuch, doch noch eine internationale Einmischung zu erzwingen. Doch die EU-Granden haben ihm keinen Termin eingeräumt und auch der belgische Premier hat seinem Kabinett verboten, sich mit den spanischen Spaltern zu treffen.

Die Spanier nehmen die ungewöhnlich einheitliche Haltung der EU und die Rückendeckung für Rajoy mit Genugtuung wahr. Über ein anderes Thema werden sie aber so schnell noch nicht reden – am 21. Dezember sind Wahlen in Katalonien. Und laut Umfragen könnten die Separatisten durchaus erneut stärkste Kraft im Parlament werden.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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