Weltgeschichten unserer Korrespondenten

U-Bahn in Bangkok
Absurde Fehlplanung

Um den öffentlichen Nahverkehr zu entlasten, hat Bangkok eine neue Bahnlinie eingeführt. Wegen eines seltsamen Fehlers will sie aber kaum jemand benutzen. Pendler brauchen viel Geduld – und ein zuverlässiges Deodorant.

BangkokDie Rushhour in Bangkok ist nichts für schwache Nerven. Die Autos drängeln sich durch die überlasteten Straßen – und kommen meist nur in Schrittgeschwindigkeit weiter. In den U-Bahnen und Hochbahnen fehlt unterdessen regelmäßig der Platz, um alle wartenden Fahrgäste mitzunehmen. Nicht selten werde ich morgens am Bahnsteig zurückgelassen und muss auf den nächsten Zug warten – mit Glück kann ich mich irgendwann später in einen Waggon quetschen.

Wegen einer absurden Fehlplanung gibt es neuerdings aber eine Nahverkehrsverbindung, in der klaustrophobische Zustände nahezu ausgeschlossen sind: In der neuen „Purple Line“, die Anfang August den Betrieb aufnahm, gibt es jede Menge Platz. Von den in den anderen Linien umkämpften Sitzplätzen war, als ich diese Woche mit der U-Bahn unterwegs war, höchstens jeder fünfte belegt. Stehen musste niemand. Auch an den Ticketautomaten waren die sonst üblichen Schlangen nicht zu sehen – die sechs Geräte hatte ich ganz für mich alleine.

Warum die lilafarbene Linie so unbeliebt ist, erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Gebaut wurde sie mit dem Ziel, Bangkoks Norden besser mit dem Stadtzentrum zu verbinden. Doch wer diese Strecke tatsächlich absolvieren will, hat es nicht leicht: Der Streckenabschnitt, mit dem die neue Bahnstrecke an das bestehende U-Bahn-Netz angeschlossen werden soll, wurde nicht rechtzeitig fertig. Pendler aus dem Norden müssen deshalb erst eine ein Kilometer lange Lücke überwinden, bevor sie weiter in die Innenstadt fahren können. Darauf haben verständlicherweise nur die wenigsten Lust.

Ich brauche fast eine Viertelstunde, um zu der Station zu gelangen, an der meine Anschlussverbindung abfährt. Der Weg führt über enge Bürgersteige, die man sich mit Motorrädern teilen muss. Es ist 32 Grad warm und ich erreiche mein Ziel mit nassgeschwitztem Hemd – immerhin konnte ich einem starken Regenguss gerade noch entkommen.

„Pendler sehen wegen der Lila-Linie rot“, titelte eine Lokalzeitung angesichts der unkomfortablen Situation, die bei den Thailändern für ähnlich großes Unverständnis sorgt wie in Deutschland die Fehlplanungen rund um den Berliner Flughafen. Obwohl schon seit langem klar war, dass das entscheidende Teilstück fehlen würde, scheinen die Verantwortlichen nun einigermaßen überrascht zu sein, dass kaum jemand die neuen Züge benutzen will.

Bis zu 200.000 Passagiere täglich wurden noch kurz vor dem Betriebsstart erwartet. In der Realität benutzen aber gerade einmal 20.000 Menschen die neue Verbindung. Die private Betreibergesellschaft macht mit der „Purple Line“ nach Schätzungen thailändischer Politiker einen Verlust von einer halben Million Euro pro Woche.

Der weitgehende Boykott der Bahn deutet daraufhin, dass die Bangkoker so langsam genug von den Unannehmlichkeiten im öffentlichen Nahverkehr haben. Denn fehlende Verbindungen sind nicht die einzige Merkwürdigkeit, mit der sie leben müssen: Weil die Nahverkehrszüge der Stadt von unterschiedlichen Firmen betrieben werden, müssen sich Fahrgäste beim Umsteigen stets ein neues Ticket kaufen. „Purple Line“-Kunden brauchen so bis zu drei Fahrkarten für eine Reise ins Geschäftsviertel.

Um den Pendlern das Leben zumindest ein bisschen zu erleichtern, bietet der Bahnbetreiber als Ersatz für den fehlenden Streckenabschnitt seinen Kunden einen Shuttle-Bus zwischen den betroffenen Stationen. Doch auch der ist nicht gerade attraktiv: Während der Rushhour braucht er für die Fahrt fast eine halbe Stunde. Zu Fuß kommt man zwar ins Schwitzen, ist aber auf jeden Fall schneller. Pendler brauchen deshalb in Bangkok nicht nur gute Nerven, auch ein zuverlässiges Deodorant kann nicht schaden.

Mathias  Peer
Mathias  Peer
Wirtschaftspresse Bangkok / Auslandskorrespondent
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