Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Bars in San Francisco
Kampfplatz Musikbox

Digitale Musikboxen haben in den amerikanischen Bars die Herrschaft übernommen. Für die Betreiber sind sie ein gutes Geschäft. Den Charme einer analogen CD-Musikbox können sie aber nicht ersetzen.

San FranciscoDer Geary Club in San Francisco ist in vieler Hinsicht etwas Besonders. Zum Beispiel, weil auf die kleine Bar ohne Fenster keinerlei Werbung aufmerksam macht, nicht mal ein Namensschild gibt es. Wer sie nicht kennt, der geht achtlos an der kleinen Tür in der Hauswand vorbei. Dann ist da aber auch noch die uralte Musikbox direkt neben dem Eingang. Die mächtige Rowe CD 100 E von AMI, gut anderthalb Meter hoch mit einem dickem Bauch, um einhundert CDs zu schlucken, nimmt die ganze Wand ein.

Ein Teil ihrer bunten Beleuchtung ist längst erloschen. Ein beherzter Druck auf robuste Pfeiltasten im Elfenbein-Look blättert geräuschvoll durch die Seiten mit den Albumcovern im Schaufenster. Eine vierstellige Zahlenkombination setzt einen verborgenen Mechanismus in Gang, der unter Rumpeln und Knarzen eine CD aus dem Innersten auf einen Drehteller wuchtet. Aber als Michael Jackson erste Erfolge mit „Beat it“ feierte, muss die resolute June, heute 81 Jahre alt, aufgehört haben, neue CDs kommen zu lassen.

Von den durchaus jungen Gästen in der gut besuchten Insider-Bar am Rande des „Loin“, stört das niemand. „The Loin“ ist tagsüber der heruntergekommene Stadtteil Tenderloin im Herzen von San Francisco. Nachts ist es eine verruchte Vergnügungsmeile, mit unzähligen Bars, Restaurants, Burlesque-Shows, illegalen Spielhöllen und Stripclubs. Im Geary Club kostet ein Lied 20 Cents, und die Musik repräsentiert die Bar. Beides sind Relikte aus einer vergangenen Zeit. Vergilbte Cover weisen auf „Take Five“ des legendären Dave Brubeck hin oder „Horse with no Name” von „America“. Country-Legenden wie Kenny Rogers, leben mit „Abba“ oder dem unvermeidlichen „Hotel California“ von den Eagles in friedlicher Harmonie. Doch es sind Jazz und der gute alte Blues, die den Abend beherrschen und wer Glück hat, der trifft Derek, selbst leidenschaftlicher Musiker und Jazzfan. Er hat zu jedem Titel die passende Geschichte parat. Wer hierher kommt, der passt sich der Musik an und taucht ein in den überschaubaren Klub der Geary-Familie. Nicht umgekehrt.

Doch das ist Vergangenheit und kommt nie wieder. Die digitalen Super-Musikboxen, ständig verbunden mit dem Internet, haben in zehntausenden amerikanischen Bars die Herrschaft übernommen. Die geldhungrigen Monster mit Touch-Bildschirmen sind nicht viel größer als ein Pizzablech und die apokalyptischen Reiter der Beliebigkeit. Und sie sind ein tolles Geschäft. Ein Lied kostet in der Regel einen Dollar und wenn man viele Dollars einwirft, gibt es Rabatt. Will man seinen eigenen Song vorziehen und als nächstes hören, kostet es 1,50 Dollar. Die Einnahmen teilen sich Betreiber und Bar. War es früher das musikalische Geschick des Bartenders, der die Box liebevoll unter dem strengen Auge der Stammgäste bestückte und einen unverwechselbaren musikalischen Stil prägte, regieren heute anonyme Dollars. Hunderttausende Songs stehen theoretisch per Fingertipp zur Verfügung.

Nachmittags, wenn zwei Straßen weiter im „ The Outsider“ die Stammgäste ein kaltes Budweiser auf dem Deckel stehen haben, herrscht Country- oder Blues-Stimmung. Man kennt sich, es wird viel und zu laut gelacht. Am Abend stoßen Gruppen junger Partygänger aus Oakland dazu und plötzlich kippt der Sound zu „50 Cents“, „Macklemore“, „Jay-Z“ oder, immer noch beliebt, „Metallica“ und „Rammstein“. Sind die Eindringlinge hartnäckig genug, haben sie bald die Bar für sich alleine, der Rest zieht weiter.

Yumi wusste, dass sie etwas unternehmen musste. Die geschäftstüchtige Koreanerin übernahm Ende 2014 das Management im Outsider und eine ihrer ersten Handlungen war es, am Samstag den Stecker aus der Wand zu ziehen. Sie war die ständigen Hahnenkämpfe leid. Mal war es eine Gruppe Mexikaner, die noch in der Eingangstür stehend, 50 Dollar investierten, um mit Mariachi-Bands und Enrique Iglesias den Ton für den Rest der Nacht vorzugeben. Schaffte die Rap-Fraktion vorher ihre Dollars einzuwerfen, donnerten unablässig „Black Eyed Peas“ oder „Tupac Shakur“ aus den zahlreichen Lautsprechern. Auf jedem Fall war aber eine der Gruppen sauer. Nun gab es Samstags wieder die Musik von der Bar. „Was auf die Straße schallt“, sagte sie mir an einem Abend, „das ist unsere akustische Visitenkarte“. Und sie wollte bestimmen, wie die am Wochenende aussieht.

Es sind nur noch wenige Bars im gehobenen Segment, so wie der „Churchill Club“ einen Steinwurf entfernt, die die Musik noch handverlesen vom iPod spielen. Wer hierhin kommt, der wird sanft berieselt und unterhält sich, und wenn er alleine kommt, dann haben die Bartender ein offenes Ohr für die Geschehnisse des Tages.

Der Rest rüstet dagegen noch auf: Wer genug investiert, kann im „Club Kristi“ auf der O’Farrell Street für 1,50 Dollar sein Lied dem Rest der Gäste auch noch per Videoclip auf dem Flachfernseher aufzwingen. Wo früher Football oder Baseball lief, werden dann auch schon mal Werbeeinblendungen der Bar eingespielt. Da kann ich auch zuhause vorm Kabelfernsehen sitzen bleiben.

Smartphone Apps wie AMI Barlink erlauben mittlerweile das anonyme Bespielen der Musikbox ohne sich erkennen geben zu müssen. Auf einmal plärrt irgendein Lied los und niemand weiß, warum. In Gegenden mit hoher Bardichte führt das schon mal zu Stress, weil man auch die Box der Nachbarkneipe bedienen kann. Spielt dann die mexikanische Mariachi-Band in der „Redneck“-Kneipe auf oder erfreut Rammstein die Kunden der Jazz-Bar, dann ist der Unterhaltungsfaktor hoch. Zumindest für einen Teil der Zuhörer. Immer mehr Bars in San Francisco schalten die Apps aus: Zeig mir, was du spielst.

TouchTunes und AMI, die Marktführer, halten dagegen, ihre Angebote könnten ebenfalls konfiguriert werden. Wer Rap-Musik oder Klassik nicht im Angebot haben oder Justin Bieber Hausverbot erteilen will, der kann das machen. Aber vielen Bars scheint das alles zu kompliziert.

So kompliziert, wie neue CDs mühsam manuell in den Bauch der alten Maschine im Geary Club einzubauen, dann mit der Schreibmaschine die Titelliste aufzuschreiben, und jedem Lied eine Kombination aus vier Zahlen zuzuweisen. Die ersten zwei für die Nummer der CD, die beiden anderen für den Song. June jedenfalls hat keine Lust mehr. Sie hat ihr ganzes Leben im Loin verbracht, mehrere Bars betrieben. Jetzt ist ihr die neueste Musik nicht mehr wichtig. Ihr sind die Menschen wichtig, die in ihrer Bar auftauchen und das spürt man. Aber eins ist allen klar: Wenn June einmal geht, dann geht mit ihr auch die vielleicht letzte CD-Musikbox in San Francisco Bar-Szene.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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