Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Liebeserklärung an US-Einkaufszentren
Es lebe die Mall!

Bis zu 30 Prozent der US-Einkaufszentren werden in den kommenden fünf Jahren verschwinden. Und der Rest muss ernsthaft umdenken um zu überleben. Mir würden die Malls fehlen. Eine Liebeserklärung für den Erhalt der Malls.
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San FranciscoVor sieben Jahren bin ich nach Kalifornien gezogen. Die wöchentliche Fahrt zur Shopping-Mall gehörte damals zur Routine. Gemütliches Schaufensterbummeln, leckeres Eis essen und vielleicht noch günstig was einkaufen – ein typischer Sonntagnachmittag eben. Allein schon weil die Kinder sonst gar nicht mehr aufhörten zu weinen. Seitdem hat sich viel geändert. An den letzten Besuch einer Shopping-Mall wirklich zum Einkaufen, kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern.

Die Kinder sind jetzt 16, 14 und 9 und keines quengelt mehr um in die Mall gefahren zu werden. Denn keiner ihrer Freunde oder Freundinnen ist mehr da. Man trifft sich nach der Schule digital auf Snapchat oder Instagram. In den Malls trauern derweil bärbeißige Wachleute und miesepetrige Warenaufpasser in den Shops den guten Tagen nach, als sie Jugendliche noch rausschmeißen und belehren konnten, dass sie hier nicht „rumlungern“ sollen. Die Drohung eines Hausverbotes glich in vielen amerikanischen Vorstädten quasi dem Sturz ins soziale Abseits. Heute sind die Betreiber dankbar für jeden Teenager, der sich zwischen einem Snap und der Bestellung von Designer-Unterwäsche bei Amazon auch noch mal in die Mall verirrt.

An einem schönen Sommertag fahren wir trotzdem gerne zum Alameda South Shore Center in Alameda. Der angrenzende Sandstrand mit Bucht ist nur wenige Schritte entfernt. Während die beste Partnerin von allen die Strandburg aufbaut, geht es in die Mall, Snacks und kalte Getränke kaufen. Den SUV in der Waschstraße abgegeben, da wird er blitzblank poliert. Wenn die Sonne malerisch über dem Wasser untergeht, krönt ein Sushi-Essen im „Sushi House“ einen perfekten Sonntag. Vielleicht noch ein schneller Sprung in den Safeways-Supermarkt oder zu Trader Joe’s, der Aldi-Ableger in Kalifornien, Brot fürs Frühstück holen und dann ab nach Hause. Damit könnte es bald vorbei sein, wenn die Zahlen sich bewahrheiten.

Amerikas Einzelhandel steht vor der größten Umwälzung seit der Entstehung der „Suburbs“, der in Quadrate gegossenen Vorstädte, der 20er Jahre. Mit den Suburbs entstanden die großen Malls, mit ihren noch größeren Parkplätzen und den riesigen Vorzeigeläden von Sears, Macy’s oder JC Penney, die schnell zum Zentrum des Konsums und des sozialen Lebens wurden. Seit rund 20 Jahren geht es allerdings rapide abwärts mit vielen der über 1.100 Malls in den USA. Nach einer aktuellen Analyse der Credit Suisse werden 20 bis 25 Prozent aller Mega-Einkaufszentren in den kommenden fünf Jahren ihre Türen schließen.

„Ankergeschäfte“, zentrale Anlaufpunkte, sind in der Regel Bekleidungs- und Haushaltwarengeschäfte, mit einer Größe zwischen 10,000 und 40.000 qm. Geht ein „Anker“ pleite, ist es in Zeiten von Amazon und Co.gar nicht so leicht einen Nachmieter zu finden. Dabei werden es immer mehr. Allein die Kaufhauskette Macy’s will bis Jahresende 68 Läden schließen, JC Penney 138 und Sears 126. Payless Shoeshop, eine typische mittelgroße Ankerkette, will 800 Geschäfte schließen, davon 400 in den USA und über ein Dutzend allein in Kalifornien. Die Großbank Credit Suisse erwartet die Schließung von 8.600 Einzelhandelsgeschäften, mehr als die 6.200 Schließungen 2008, nach der Weltfinanzkrise.

Kann das Sterben der Malls verhindert werden? „Viele Einkaufszentren werden gerade runderneuert“, erklärt Ron Friedman von der Beratungsgesellschaft Marcum gegenüber der LA Times. Er glaubt, dass eher 30 als 25 Prozent der Einkaufswelten in großen Schwierigkeiten seien. „Wir sehen jetzt mehr Mischnutzung, mehr Restaurants und Service-Angebote.“ Auch bei unserer Lieblingsmall in Alameda lässt sich das schon beobachten. Im Winter (was auch immer das ist in Kalifornien) gibt es eine Eislaufbahn, jedes Wochenende kommen zehn oder mehr Food-Trucks auf den Parkplatz und es gibt ein kleines Fest. Es gibt eine Autowaschstraße mit professioneller Innenreinigung und Spezialitätenläden wie „Bed, Bath and Beyond“, mehrere Lebensmittelläden, eine Versammlungsfläche für Konzerte und eine der wenigen Walgreen’s-Drogerien mit 24-Stunden-Apotheke an sieben Tagen in die Woche. Aber am Ende reicht vielleicht auch all das nicht.

Der Wandel wird weitergehen, prophezeit auch Wells Fargo in einer Analyse der US-Einzelhandelslandschaft. „Wir sehen mehr ‘Tante Emma-Läden’. Einige Malls haben Ladengeschäfte in Bereiche für Arztpraxen oder Büchereien, oder sogar für eine Hochschule umgewidmet“, heißt es. Das Problem sei nur, dass diese neuen Mieter ohne einen großen Markennamen weniger geeignet sind, Menschenmassen in die Malls zu ziehen.

Das könnte vielleicht ein anderer Trend schaffen, der von der Ostküste der USA herüberschwappt. „Food Halls“ wie das Gotham West Market in New York, sind der heiße Trend. Diese Ansammlung aus Top-Restaurants, Bars und Event-Locations unter einem Dach, hätten das Potenzial leerstehende Anker-Läden zu füllen und vor allen die Verweildauer in den Malls zu erhöhen. Sie könnten auch die ewig gleichen eintönigen Foodcourts mit ihren lieblos aneinandergereihten Pizza- und Taco-Buden und abwaschfreundlichem Plastik-Mobiliar in der Mitte ersetzen.

Viel Zeit bleibt den Mall-Betreibern aber nicht mehr. Starbucks hat in vielen Suburbs schon den Status als sozialer Treffpunkt übernommen. Sollte Apple in seinem geräumigem Flaggship-Store in San Francisco irgendwann auch noch auf die Idee kommen, Frappucino oder Pizza anzubieten, dann war's das für die Malls. Und zwar endgültig.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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