Weltgeschichten unserer Korrespondenten

USA Wie Amerika mit Städtedesign gegen Obdachlose kämpft

Zu viele Städte in den USA bekämpfen die Armen und nicht die Armut. Das macht das Leben für alle Stadtbewohner unerträglich.
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Obdachlosenabschreckung an einem Gebäude in San Francisco. Quelle: Axel Postinett
„Feindliche Architektur“

Obdachlosenabschreckung an einem Gebäude in San Francisco.

(Foto: Axel Postinett)

San FranciscoManche Dinge nimmt man erst wahr, wenn man selbst betroffen ist. Eine leichte Verstauchung des rechten Knies zwang mich, begeisterter Fußgänger in San Francisco, jüngst zu einer spürbar langsameren Gangart, und ab und zu war auch mal eine kleine Pause angesagt, um das Gelenk zu entlasten.

Das Problem nur: Es gibt praktisch nichts, auf dem man in San Franciscos Innenstadt sitzen kann, ohne dafür bezahlen zu müssen. Etwa bei Starbucks. Downtown ist eine Sitzbank-freie Zone. Nicht nur das. San Francisco ist eine der Vorzeigestädte für „defensive“ oder „feindliche Architektur“, wie es genannt wird. Wo immer möglich wird es unmöglich oder unbequem gemacht, sich auf öffentlichen Plätzen oder Straßen auszuruhen.

Es geht dabei nicht darum, knieschwachen Journalisten oder alten Omas oder Opas zu schaden. Das sind Kollateralschäden. Es geht darum, Obdachlose zu vertreiben.

Während in Hotellobbys, Theatern oder Restaurant gemütlich gestaltete Wartezonen zum Verweilen einladen, ekeln die Designer die Menschen auf Plätzen und Straßen weg. Das funktioniert perfide einfach. Ich montiere alles ab, was zu mehr als fünf Minuten schmerzfreiem Sitzen einladen könnte und mache dann das Sitzen auf dem Bürgersteig strafbar. Fertig.

Schon in den 90er Jahren wurden alle Sitzgelegenheiten aus dem Park vor dem imposanten Rathaus von San Francisco mit seinen großen Grünanlagen entfernt. Im angrenzenden United Nations Plaza passierte es ein paar Jahre später in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Die abgerundeten Folter-Sitzkissen in den Bushaltestellen bereiten akute Rückenschmerzen, ein Niederlegen verbietet ihre Form ohnehin schon von selbst.

Sind mehr als zwei Sitzflächen nebeneinander montiert, sind sie zusätzlich durch massive „Armlehnen“ aus Stahl getrennt. Hier legt sich niemand hin. Der Kampf wird gegen die Armen, nicht gegen die Armut geführt und macht die Stadt damit für alle abweisender.

Neue Gebäude zieren oft um 45 Grad abgeschrägte Fensterbänke im Erdgeschoss, im Altbestand sind nachträgliche Design-Zusätze zu bewundern, die nichts anderem dienen als Menschen abzuschrecken. Ausladende Stahlkreuze sind über Fensterbänke montiert, selbst pyramidenförmige, zehn Zentimeter hohe Stahlstifte sind zu bewundern, die dem Erschöpften hämisch zurufen „Hier nicht“.

Wenn Unternehmer gegen Arme hetzen

Einen besonderen Treffer landete ausgerechnet eine Kirche in der Stadt. Tagsüber wurde Essen an Obdachlose ausgegeben, nachts nässte sie und ihre armseligen Habseligkeiten eine extra über Bänken an der Kirchenwand installierte Sprinkleranlage ein. Als das bekannt wurde, rissen die Kirchenmänner die Anlage noch am gleichen Tag wieder ab.

Ende 2013 erreichte der Klassenkampf in San Francisco einen neuen Höhepunkt, als der junge Start-up-Gründer Grep Gopmann in einer wüsten Tirade über Obdachlose herzog, die er als „Müll“ bezeichnete, und von denen er wirklich nicht wusste, was sie in dieser Stadt verloren hätten. In Downtown San Francisco sammelten sich diese „Degenerierten“ wie Gruppen von „Hyänen“ und „pissen“ auf den Boden und mehr.

Seine Schlussfolgerung: Es gäbe „einen Teil der Stadt für Degenerierte“, einen weiteren „für die Arbeiterklasse“, aber es bringe niemandem etwas, sie in der schönen Innenstadt von San Francisco zu dulden.

Nach einem Proteststurm gegen die Tiraden eines weißen und privilegierten Jungunternehmers löschte der seinen Facebook-Eintrag und entschuldigte sich, aber so manch seiner Tech-Freunde machte zuvor in Kommentaren keinen Hehl daraus, dass sie seine Ansichten schon unterschreiben würden.

Studenten der juristischen Fakultät der Universität Berkeley machten sich einmal die Mühe und untersuchten 58 kalifornische Städte und fanden mehr als 500 Gesetze, die dazu geeignet waren, das Leben von einkommensschwachen und insbesondere obdachlosen Menschen zu erschweren.

Ein Mann in San Francisco verbrachte 30 Tage im Gefängnis, weil er zweimal von Undercover-Polizisten schlafend auf einer Plastikkiste auf einem Bürgersteig erwischt wurde. Damit verletzte er San Franciscos Stadtgesetze, die Sitzen und Liegen auf dem Bürgersteig verbieten. Nur ein reumütiges „Geständnis“ veranlasste den Richter, dafür nicht die Maximalstrafe von zwei Jahren zu verhängen.

Mein Weg die Leavenworth Street hinab von meiner Wohnung zum wenige Straßen entfernten United Nation Plaza ist heute gesäumt von lachenden und quatschenden, einfachen Menschen auf mitgebrachten Campingstühlen, die sie an die Häuserwände geschoben haben.

Neue Form der Obdachlosigkeit

Das ist legal in San Francisco und die Straße ist ihr zweites oder auch erstes Wohnzimmer. Im Wohnzimmer wird auch mal geraucht und getrunken, es sieht nicht immer aufgeräumt aus. Das stimmt. Aber wirkliche Probleme hatte ich noch nie.

In vielen Städten ist es verboten, auf Straßen zu Trinken oder zu Essen, zu Liegen, zu Sitzen oder zu Knien oder einfach nur länger als einen gesetzlich festgelegten Zeitraum stillzustehen. Wer in einem Park oder auf einer Grünanlage auf dem Gras sitzend seinen Kaffee mit Donut genießen will, sollte gut gekleidet sein und vielleicht einen Laptop dabei haben.

Abgerissene Kleidung und ein schwarzer Müllsack sind Grund genug für einen flotten Platzverweis. In vielen Bezirken ist das Übernachten in Autos verboten. Das trifft heute ironischerweise auch Uber-Fahrer, die nach einer langen Schicht nicht mehr den Weg bis nach Hause schaffen. Sie findet man schlafend auf großen Pendlerparklätzen außerhalb.

Der Beginn der modernen Massenobdachlosigkeit in den USA ist auf die Präsidentschaft von Ronald Reagan zurückzuführen, der das Budget der „Housing and Urban Development“-Behörde kräftig zusammenstrich, und die nächsten Präsidenten folgten seinem Beispiel. Als George W. Bush an der Macht war, fehlten 60 Prozent des Etats und der soziale Wohnungsbau kam praktisch zum Erliegen. Die Obdachlosigkeit bekam ein neues Gesicht.

Statt des meist männlichen „Dropouts“ der Gesellschaft mit Alkohol- oder Drogenproblem suchten nachts immer mehr Familien mit Kindern oder Mitglieder der Arbeiterklasse in festen Anstellungen Schutz in Häusereingängen und unter Pappkartons, weil raketenartig steigende Mieten sie aus ihren Wohnungen gedrängt hatten.

Den bislang letzten Schub brachte die Weltfinanzkrise 2008, als Millionen Amerikaner ihre Häuser und Wohnungen verloren sowie ihre gesamte Altersvorsorge. Seitdem entstehen in Städten wie Oakland, nur 15 Minuten von San Francisco entfernt, ganze Obdachlosenstädte.

Seit Februar 2018 sind Campingzelte im Target-Supermarkt im Metreon-Center im Zentrum San Franciscos hinter Gitter versperrt. Nur 50 Meter entfernt feiern Apple, Oracle oder Google rauschende Tech-Parties im Moscone Center. Ob die Sicherheitsmaßnahmen direkt mit Obdachlosigkeit zusammenhängen, will Target nicht bestätigen, aber Zelte seien ein „beliebtes Diebesgut“ geworden.

In Walmarts und CVS-Drogeriemärkten in San Franciscos Brennpunkten sind nicht mehr nur teurer Wein und Champagner hinter Plastikklappen fest verschlossen. Wer Zahnpasta, Tampons, Waschmittel oder Rasierklingen kaufen will, muss sich diese Alltagsgegenstände von einem Mitarbeiter aufschließen lassen. Es fehlt vielen einfach am Nötigsten.

Bevor es Hilfe von der Stadt oder dem Staat gibt, muss ein Mensch hier schon ganz weit unten sein, seit Miethilfen und ähnliche Zuschüsse immer weiter schrumpfen. Zum Beispiel ist es vielen Behörden immer noch ein Dorn im Auge, wenn „Bedürftige“ ein Auto oder – Oh Gott! – ein Handy haben.

San Diego macht es anders

Das sieht Theresa Smith aus San Diego in Südkalifornien anders. Los Angeles und San Diego sind mindestens so massiv von Obdachlosigkeit betroffen wie San Francisco. Einer von fünf Obdachlosen in den USA lebt im „Golden State“ im Westen der USA. Alleine 9000 in San Diego.

Smith überzeugte 2010 die Stadtväter und -mütter, einen radikalen Versuch zu wagen. Obdachlose mit einem Arbeitsplatz und womöglich Kindern wurden nicht mehr aufgefordert, ihre Autos zu verkaufen. Stattdessen bekommen sie einen Platz auf einem speziellen Obdachlosenparkplatz.

350 bewachte Stellplätze gibt es mit Gemeinschaftsküchen, Toiletten und Duschen, Arbeitstischen für Hausaufgaben und Anlaufstellen für soziale Dienste. Morgens suggeriert die Fahrt zur Arbeit das letzte bisschen Normalität und den Kindern bleibt es erspart, ihren Klassenkameraden erklären zu müssen, warum sie jetzt immer zur Schule laufen müssen. Das gilt in Teilen der USA als Demütigung.

Und auch der Stadtkämmerer jubelt. Pro Fahrzeug fallen Kosten um 250 Dollar an. Nur ein einziges Etagenbett in einem Obdachlosenasyl kostet dagegen rund 1300 Dollar. Bei einer Familie mit drei Kindern macht das 250 gegen 6500 Dollar. Und das Beste überhaupt, schwärmt Smith, ist die Erfolgsquote. Das Abrutschen ins völlige Elend wird gestoppt, der Lebenswille kehrt zurück.

Die Parkplatzgemeinschaft zeige den Menschen, dass sie nicht alleine sind, macht Mut. Und 64 Prozent der Projektteilnehmer hätten es bislang innerhalb von sechs Monaten geschafft, vom Parkplatz wieder in die eigenen vier Wände zurückkehren zu können. Das kann kaum ein Obdachlosenprojekt von sich behaupten und auch kastrierte Sitzbänke und Stahlstifte haben das nicht geschafft.

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