Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Die „smash and grab“-Epidemie

San Francisco leidet unter einer Epidemie mit dem Namen „smash and grab“ – einschlagen und mitnehmen. Es ist die Hauptstadt der eingeschlagenen Autoscheiben. Touristen und Einwohner sind genervt, eine Lösung nicht in Sicht.
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San FranciscoDas war mit Sicherheit das teuerste Gyros, das wir je hatten. Nach gerade mal einer Stunde im Lieblingstürken „A la Turca“ auf der Geary Street kam die böse Überraschung: Die Splitter der eingeschlagenen hinteren Seitenscheibe des nur wenige hundert Meter entfernt auf der Hyde Street geparkten SUV waren schon aus der Entfernung zu sehen. Gestohlen wurde nichts. Jemand wollte wohl nur mal schnell reinschauen, ob sich hinter den getönten Scheiben nicht doch irgendwas verbirgt, und war dann weitergezogen. Der Ersatz der Scheibe kostete meine Bekannte Anfang Dezember rund 200 Dollar, was den Preis des Gyros, mit Trinkgeld, auf über 216 Dollar ansteigen ließ.

San Francisco leidet unter einer Epidemie. Ihr Name ist „smash and grab“, einschlagen und mitnehmen. Nach den letzten verfügbaren Zahlen gab es 2015 in der Stadt mit nicht mal einer Million Einwohner 25.899 Einbrüche in verschlossene Autos. Das sind rund zehntausend mehr als noch 2006 und nur noch knapp 1600 weniger als in Los Angeles. Doch das ist eine Stadt mit über vier Millionen Einwohnern, der Großraum LA kommt auf über elf Millionen. Und wir reden nur von den gemeldeten Autoeinbrüchen. Viele bleiben unentdeckt, weil Autofahrer weder der Polizei noch ihrer Versicherung davon berichten, denn eine positive Aufklärungsquote würde die Versicherungsprämien ansteigen lassen. Also tendiert die Aufklärungsquote gegen Null.

Auch wenn man sich irgendwie daran gewöhnt, vor wenigen Wochen war nochmal ein Tag zum Augenöffnen. Direkt vor meiner Haustür drei Fahrzeuge mit eingeschlagenen und notdürftig mit Folie abgedeckten Scheiben. Keine Luxusautos, wo man dicke Brieftaschen oder teure Laptops auf den Rücksitzen vermuten könnte. Einfache, alte Autos, erkennbar von Menschen, die ihrem täglichen Job nachgehen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können und für die ein paar hundert Dollar zusätzlich eine schwierige Herausforderung darstellen.

Begünstigt wird die Manie durch den Trend zu schicken SUVs und Crossover, die längst den Minivan als Familientransporter abgelöst haben. Sie alle haben keinen abschließbaren Kofferraum mehr, in dem man Wertsachen bunkern könnte. Da die hinteren Scheiben der SUV praktisch immer abgedunkelt sind, muss man sie eben einschlagen. Auf dem Weg vom Auto zum Sushi-Restaurant in Japantown führte der Weg an einem Abend an vier Fahrzeugen mit eingeschlagenen Scheiben hintereinander vorbei. Vor einem davon lag noch eine ausgeplünderte Handtasche. Seitdem wird der Wagen immer im Parkhaus abgestellt. Wer sich das nicht leisten kann, muss sich etwas einfallen lassen.

Einige Fahrer versuchen es mit einem Appell an die Vernunft: „Hier gibt es absolut nichts zu stehlen“, steht auf den Schildern. Andere hoffen auf Mitleid: „Bitte nicht schon wieder“, las sich ein anderes, „Das hatte ich schon zweimal. Ich habe einen Job mit Mindestlohn! Ich kann das wirklich nicht mehr bezahlen“. Niemand ist sicher. Selbst Polizeichef Greg Suhr räumte auf einer Veranstaltung achselzuckend ein, sein Auto sei einmal aufgebrochen und eine alte Jacke gestohlen worden. Besonders hart trifft es Touristen, wenn Koffer, Kamera, Laptop oder sogar Reisepass aus dem Mietwagen gestohlen werden.

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