Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Verkehrskollaps in China
Die Wut der Autofahrer

Peking ist täglich von Stau gelähmt. Parkplätze gibt es kaum. Es gibt sogar eine Lotterie für die Zulassung. Doch die stolzen Autobesitzer sind eine Gruppe, mit der man sich nicht anlegen sollte. Eine Weltgeschichte.
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PekingSie kamen in der Nacht. Und sie trugen große Hämmer mit sich. Schlag um Schlag zerlegten sie die kleine Zielmauer, die die Hausverwaltung nur wenige Tage vorher hatte errichten lassen. Die Szene trug sich kürzlich in meinem Wohnviertel in Peking zu. Die Männer mit den Hämmer waren jedoch keine Kriminellen, die auf bloße Zerstörung aus waren. Sondern sie waren verzweifelte Autobesitzer aus meiner Nachbarschaft.

Als mein Wohnkomplex am zweiten Innenstadtring vor mehr als zehn Jahren gebaut wurde, ahnten die Planer nicht, dass später viele Pekinger ein eigenes Auto haben würden. Viel Platz wurde für die Hochhäuser eingeräumt. Zwischen den Gebäudekomplexen wurden kleine Parkanlagen angelegt, jedoch kaum Stellplätze für Autos. Die reichten jedoch bald nicht mehr aus. Also parkten die stolzen Autobesitzer ihre Wagen kurzerhand in den Blumenbeten und Büschen mitten in den Parkanalagen.

Anfangs ließ die Hausverwaltung sie noch gewähren. Doch mittlerweile gleicht das Gelände einer Wüstenlandschaft. Fast kein Busch und fast keine Blume hat die täglich ein- und ausparkenden Autos überlebt. Also engagierte der Hausmeister eine Handwerksfirma, die eines Tages eine kleine Mauer um die Parkanlagen errichten ließ, um die Autos auszusperren. Noch in der gleichen Nacht kamen die Männer mit den Vorschlaghämmern.

Viele Pekinger haben über die Jahre gelernt, dass sie sich besser nicht zu laut zu politischen Themen äußern sollen. Aber wenn es um ihre Autos geht, kennen sie kein Pardon. Schließlich müssen sie schon viel über sich ergehen lassen. Die Stadtverwaltung beschränkt bereits die Zulassung neuer Fahrzeuge auf 20.000 im Monat, die über ein Lotteriesystem vergeben werden. Es kann Jahre dauern, eine Zulassung zu gewinnen. Doch selbst wer ein Auto hat, ist strengen Beschränkungen unterworfen. Abhängig von der letzten Ziffer des Nummernschildes dürfen täglich rund 20 Prozent der Autos nicht fahren.

Deshalb reagieren Autofahrer in Chinas Hauptstadt besonders empfindlich auf jede weitere Einschränkung. Das bekam auch Professor Mao Baohua von der Verkehrsuniversität in Peking zu spüren. Er hatte eine verpflichtende Stauabgabe für Autofahrer vorgeschlagen. Das sollte Fahrer davon abhalten, während der Stoßzeiten am Morgen oder am Abend in die Innenstadt zu fahren. Und es sollte der Stadtverwaltung Geld bringen, um eine bessere Verkehrsführung zu entwickeln. 20 Renminbi (rund 2,70 Euro) pro Tag hatte er vorgeschlagen.

Das ging vielen Autofahrern zu weit. Im Internet erntete Professor Mao einen Shitstorm. Er erhielt Morddrohungen. Selbst einflussreiche Staatszeitungen lancierten Kommentare, in denen sie Maos Pläne als überzogen darstellten. Am Ende zog Mao seinen Vorschlag zurück.

Die Probleme sind damit jedoch noch lange nicht gelöst. Peking ist jeden Tag zu den Stoßzeiten von Stau gelähmt. Dabei hat nicht einmal jeder vierte Pekinger ein Auto. Das Problem hat der Unternehmer Cheng Wei zu seinem Geschäftsmodell gemacht. Sein Mitfahrdienst Didi hat selbst Konkurrenten Uber in eine Juniorpartnerschaft gezwungen.

Jetzt verkauft Cheng sich als der wichtigste Problemlöser für Chinas Großstädte. „Ich habe keinen Führerschein und ich brauche auch keinen“, sagt Cheng. Der Besitz eines Autos sein ein überholtes Modell. Es gehe nur darum, bei Bedarf ein Auto nutzen zu können. Die Frage ist jedoch, ob das die Autobesitzer in meinem Wohnviertel auch so sehen.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China

Kommentare zu " Verkehrskollaps in China: Die Wut der Autofahrer"

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  • Berlin, im Massstab etwas kleiner als Peking, ist ansonsten auch nahe am totalen Verkehrskollaps. Eine schöne Vorausschau für den Rest der Republik, was linke Versäumnispolitik "erreichen" kann.

    Strassen marode und übervoll, der ÖPNV insb. die SBahn alt, dreckig und unzuverlässig!

  • Meines Erachtens gibt es für Grossstädte die Option einer autoarmen Stadt wie man diese in Manhatten beobachten kann. Dort gibt es ein ausgebautes U - Bahnsystem und Taxis. Private Autos sind selten.

    Die andere Alternative ist die Autostadt analog Rhiad in Saudi Arabien. Dort nimmt die Stadt eine grosse Fläche ein. Es gibt breite Strassen und viele grosszügige Parkplätze.

    Genial wäre eine Autostadt in der man die dritte Dimension nutzt, sprich Hochstrassen, Unterführungen, mehrstöckige Parkhäuser und Parktiefgaragen.

    In der Realität findet man meist faule Kompromisse wo das Autofahren wie auch die ÖV Nutzung einen erheblichen Masoschismus erfordert.

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