Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Bauarbeiten am Big Ben
Die unheimliche Stille

Der Big Ben braucht mehr als ein paar kleinere Reparaturen. Die Turmuhr muss generalüberholt werden und wird daher wohl für einige Monate zum Schweigen gebracht – voraussichtlich deutlich länger als zuletzt.

Die Diagnose hört sich bedrohlich an: Es gebe chronische Probleme mit den meterlangen Zeigern der Uhr und mit dem Pendel. Hinzu kämen eine zunehmende Metallerosion sowie schlimme Risse in dem Dach und Gemäuer des 156 Jahre alten Gebäudes, in dem die Uhr steht. „Wir müssen jetzt handeln, ansonsten wird das Problem viel schlimmer“, sagen daher britische Politiker. Käme es hart auf hart, könnten die Zeiger der Uhr einfach abfallen.

Sie sprechen nicht über irgendeine Uhr, sondern die Turmuhr von Big Ben, eines der Wahrzeichen Londons mit Kultcharakter. Noch schlägt Big Ben, die 13,5 Tonnen schwere Glocke der Turmuhr, jede Stunde in einem satten C. Am vergangenen Wochenende haben Techniker auch in einer fünf Stunden dauernden Prozedur die Uhr von Sommer- auf Winterzeit eingestellt. Doch voraussichtlich im nächsten Jahr wird Big Ben schweigen – zumindest vorübergehend. Die Uhr und der Turm sollen generalüberholt würden, denn kleinere Ausbesserungen reichen inzwischen nicht mehr, um das Bau- und das Uhrwerk vor dem tiefen Verfall zu bewahren.

Bis zu 40 Millionen Pfund (umgerechnet 45 Millionen Euro) dürfte das alles kosten und bis zu vier Monate dauern. Big Ben wäre dann deutlich länger zum Schweigen verurteilt als bei bisherigen Reparaturen. Zuletzt ist die Turmuhr Mitte der 70-er Jahre ausgebessert worden. Damals dauerten die Arbeiten 26 Tage.

Die anstehende Reparatur gibt aber nur den Vorgeschmack auf eine deutlich größere Aktion. Das gesamte Parlamentsgebäude von Westminister, nicht nur die Turmuhr mit dem Big Ben, muss gründlich saniert werden. Denn schon lange fällt in vielen der Räume der Putz von der Decke. Einmal hat ein Stuckbrocken schon fast einen Menschen erschlagen. Durch das Dach kommt Regen herein. Fliesen lösen sich vom Boden. Teile der Fassade sind locker. Die Kanalisation läuft über. Mäuse und Ratten, Motten und Tauben haben sich in Teilen des Gebäudes eingenistet. Dem Palast von Westminister droht der Einsturz, wenn nicht bald etwas passiert.

Nach bisherigen Plänen der Parlamentarier ist aber vor 2020 nicht damit zu rechnen, dass die Generalüberholung in Angriff genommen wird. Big Ben ist dagegen schon bald dran. Der Uhrenturm soll zudem ein Besucherzentrum bekommen und einen Aufzug, um zum Big Ben bequemer zu kommen als bisher. Am Wochenende mussten die Experten erneut die 334 Stufen zum Turm hochsteigen, um die Uhr umzustellen.

Eines wird aber auch nach der Generalüberholung so bleiben, wie es heute ist: Die Uhrmacher stellen mit alten Penny-Münzen die Geschwindigkeit des Pendels ein und stellen so sicher, dass das Uhrwerk exakt funktioniert. Dreimal wöchentlich kontrollieren sie, ob alles seinen Gang geht. Gegen einen Aufzug haben sie bestimmt nichts einzuwenden.

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