Weltgeschichten unserer Korrespondenten

US-Airlines
Der leise Abschied vom Handgepäck

Der perfekte Fluggast

Der leise Abschied vom Handgepäck ist der bisherige Höhepunkt eines Trends, bei dem die US-Kunden sich scheibchenweise trennen müssen von kleinen Annehmlichkeiten, die sie für selbstverständlich hielten. Freie Sitzplatzwahl, freie Getränke oder kostenfreie Koffer: alles vorbei. Ein Spielfilm im Bordkino kostet sieben Dollar, zügigeres Vorab-Boarding zehn oder 20 Dollar. Die Zusatzeinnahmen durch die „Extras“, die früher einmal Standard waren, summieren sich pro Jahr auf Milliarden von Dollar. Luftfahrtexperten gehen davon aus, dass die Gepäck-Regelung von United nach einer gewissen Schamfrist von Delta und American übernommen wird. Die drei Großen beherrschen nach einer beispiellosen Fusionswelle 80 Prozent des Inlandsmarktes.

Die Laune im Himmel ist dementsprechend ziemlich mies. Immer öfter kommt es zu Rangeleien und Zwischenfällen. Die Luftfahrtgesellschaften unternehmen deshalb Schritte, die Moral in den vollgestopften Röhren zu heben.

Das Problem sind dabei nicht enge Sitze, pappige Sandwiches, hohe Extragebühren oder Verspätungen. American Airlines, die Nummer eins der Branche, hat den inkompetenten Passagier als Störfaktor ausgemacht. Der, der einfach nicht kapiert, wie es geht.

Ein Video stellt deshalb den „perfekten Flugreisenden“ vor. Der packt seine Sachen akribisch, um keinen Platz zu verschwenden, liebt Babys und bringt darum lärmschluckende Kopfhörer für nur wenige Hundert Dollar mit. Der Passagier, der weiß, dass „seine Laune sich auf die Laune des ganzen Flugs auswirkt“ und der im Flughafen „schneller geht als sonst irgendwo“.

Die Botschaft mit anderen Worten: Liebe Passagiere, reißt euch endlich mal zusammen. Dann klappt das auch ohne Murren auf dem Mittelsitz mit weniger Beinfreiheit in verspäteten Fliegern.

Die im August gestartete Anzeigenkampagne hielt laut New York Times in ihren Print-Ausgaben einen weiteren Rat bereit: Die besten Reisenden sind „immer gut gelaunt und machen das Beste aus der Situation, egal wo sie sitzen.“ American Airlines will seinen Basis-Tarif Anfang kommenden Jahres vorstellen und das lässt Böses ahnen – zumindest für die Kunden. Die Investoren an der Wall Street lieben dagegen neue Einnahmequellen.

Vielleicht sollten United und American sich das Ganze jedoch noch einmal überlegen. Der Kleinkonkurrent Spirit ist die einzige Airline, die schon länger für das zweite Handgepäckstück kassiert. Und Spirit ist seit Jahren die meistgehasste Luftfahrtgesellschaft des Landes.

Einen kleinen Erfolg konnten die grantelnden Reisenden schon erzielen. Der Versuch, selbst den winzigen kostenlosen Erdnussbeutel einzusparen, ging nach wütenden Protesten in den sozialen Medien nach hinten los. Es gibt wieder Salzgebäck. Aber da hatten die Kunden noch nicht das Benimm-Video gesehen.

Seite 1:

Der leise Abschied vom Handgepäck

Seite 2:

Der perfekte Fluggast

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%