Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
28 Unterschriften, 46 Stempel

Wie lernt man ein Land kennen? Man übergibt sich dem Laufband der Bürokratie und kommt als voll funktionierendes Mitglied der Gesellschaft wieder heraus. Eine Weltgeschichte aus China.
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PekingAm Montag um 10.54 Uhr beantrage ich einen Internetanschluss bei China Unicom. Um 14.30 Uhr ruft mich Herr Zhang an, der die Leitung verlegen und freischalten soll. Eigentlich soll er einen Termin mit mir ausmachen. Aber er hat noch ein anderes Anliegen: „Das Internetkabel von China Unicom geht nur bis zur Mauer deines Wohnkomplexes. Und meine Datenbank sagt mir, dass bisher noch nie ein Kabel von dem Geländetor bis zu deiner Wohnung verlegt wurde. Das kann ich aber nicht machen, dafür ist dein Hausmeister zuständig.“

Also stehe ich um Punkt 15 Uhr im Büro unserer Hausverwaltung, die sich ein Großraumbüro mit der Polizei teilt. Auf dem Gelände sind neben Einwohnern auch ausländische Botschaften und Medien ansässig. Eigentlich ist immer was los. Trotzdem popelt einer in der Nase. Die Sachbearbeiterin teilt mir mit, dass die Verlegung des Kabels von Tor zu Tür umgerechnet 64 Euro kostet. Wenn ein Mieter auszieht, wird das Kabel wieder rausgezogen.

So drückt ihr neuen Anwohnern also Geld ab, denke ich mir. Ein bisschen empört rufe ich eine Freundin an. Die ist nicht verwundert, hat aber sofort eine Idee. „Du wohnst doch direkt an der Geländemauer. Warum bringst du nicht einfach dein Modem dort an und bestellst dir über Taobao einen Wifi-Booster?“

Am Ende erkläre ich mich doch bereit, die Kosten für die Kabellegung zu zahlen. Die Sachbearbeiterin schickt mich zu meiner Wohnung, ich solle Herrn Zhang sofort dahin bestellen, der Hausmeister komme jetzt auch. Es werde sich alles in Wohlgefallen auflösen, versichert sie mir lächelnd.

Um 16:25 Uhr steht Herr Zhang dann auch auf meiner Matte. Der Hausmeister war noch nicht da. Das ist auch nicht schlimm. Das Kabel, das vom Geländetor zu meiner Wohnungstür führt, liegt hinter meinem Schuhschrank. Die Hausverwaltung hat vergessen, es zu entfernen. Schwamm darüber. Noch am gleichen Montag um 16:36 Uhr habe ich zu Hause einen Internetanschluss.

 

Wer einen ausländischen Pass hat und länger als ein Jahr in China lebt, muss sich einem Gesundheitscheck unterziehen. Denn das Land nimmt sich das Recht, Menschen, die zum Beispiel Aids oder eine psychische Erkrankung haben, die langfristige Aufenthaltsgenehmigung zu verweigern.

Die Untersuchung kann man nicht in irgendeiner Praxis vornehmen lassen, sondern muss dafür zu einem Gesundheitszentrum nördlich des fünften Rings fahren. Von dort aus kann man fast die Berge sehen. Wer in der Stadtmitte wohnt, braucht je nach Verkehrslage zwischen ein und drei Stunden dorthin. Da montags bis freitags nur von 8 bis 11 Uhr geöffnet ist und man sich sieben Untersuchungen unterziehen muss, steht man lieber früh auf. Frühstücken ist untersagt.

Im Gebäude herrscht eine Atmosphäre wie am Flughafen. Hinter einem ghanaischen Studenten wartet eine brasilianische Diplomatin, die belustigt zuschaut, wie zwei deutsche Mütter versuchen, ihre Töchter zu bändigen, während ein amerikanischer Fotograf ein Formular ausfüllt.

Die Räume sind schmucklos, die Abfertigung nüchtern. Vor allem muss man Schlange stehen können. Zuerst einmal, um die Untersuchungsgebühren zu zahlen. Dafür bekommt man eine Reihe Aufkleber, auf denen der eigene Name und ein Code gedruckt sind. Wie bei einem Artikel im Supermarkt.

Dann geht man von Tür zu Tür. Zuerst will ich mein Herz abhören lassen. Aber ein älterer Herr im Kittel zieht mich wortlos aus der Schlange und führt mich in einen Raum. Er soll meine Größe und mein Gewicht messen. Oder genau gesagt: Nachdem ich mich auf ein Gerät gestellt habe, trägt er die zwei angegebenen Werte in eine Tabelle ein, klebt einen Code auf und vergibt einen Stempel.

So läuft es bei allen Untersuchungen. Wortlos verrichten die Ärzte immer wieder die gleiche monotone Arbeit, stoisch lasse ich mich ohne Schutz röntgen und kaltes Ultraschall-Gel über meinen Körper schmieren. Widerstand ist zwecklos, es müssen noch so viele andere Besucher abgefertigt werden, bevor um Punkt 11 Uhr geschlossen wird.

Eine junge Krankenschwester unterhält sich während der Blutabnahme mit ihrer Kollegin. „Puh, beim ersten Mal habe ich vielleicht zu wenig abgenommen.“ Sie deutet mit ihrem Kinn auf ein kaum gefülltes Reagenzglas. Dann zuckt sie mit den Schultern. „Na gut, wenn’s nicht reicht, dann muss sie halt noch einmal herkommen.“

Vor mir ist ein Gerät, das aus Handschuh und Ärmel besteht, in das ich meinen Arm stecken soll. Ich habe keine Ahnung, was das Ding ist oder soll. Jeder Ausländer erzählt Horrorgeschichten über den Gesundheitscheck. Ich wimmere.  Mein Blick kreuzt sich mit dem der Ärztin. „Hast du etwa Angst?“, fragt sie. „Wird es wehtun?“, frage ich. Sie lacht und streichelt beruhigend meinen Kopf. „Nein, überhaupt nicht.“

Ich vertraue ihr. Ein kurzer Druck im Ärmel und die Werte flackern auf. Sie überträgt sie, klebt die Codes ein und schickt mich des Weges.

Frau Zhang hat vermutlich gar nicht gemerkt, dass ich zwischendurch eingenickt bin. Seit 15 Minuten ist sie im Arbeitsfluss: Sie starrt konzentriert auf ihren Bildschirm, klickt geschäftig, scannt meine Dokumente und lässt sie von einer Kollegin gegenchecken. Dazwischen schenkt sie mir kein einziges Lächeln.

Früher musste ich keine Aufenthaltsgenehmigung und keinen Entsendungsbrief vorweisen, um mit ausländischem Pass ein Konto eröffnen zu können. Inzwischen wollen die Regierung und deswegen auch die Banken ganz genau wissen, wer da eigentlich Geld verwahrt. Die Regularien werden immer mehr und immer strenger umgesetzt; ein bisschen erinnert es mich an das korrekte Deutschland.

Erst als sie mir durch die Schublade ein Dokument zuschiebt, schrecke ich wieder auf. Was dann in den nächsten 42 Minuten folgt, sind 27 Dokumente, unter denen ich 28 Mal meine Unterschrift und sie 46 Mal einen Stempel setzt. Der wiederkehrende, schmatzende Ton des Abdrucks hat etwas Beruhigendes. Ich weiß zwar irgendwann nicht mehr, was ich eigentlich bewillige, aber ich vertraue ihrer indifferenten Kompetenz und dem einlullenden Gefühl einer immer fortwährenden Emsigkeit. Vor dem Verwaltungsapparat ist jeder Mensch gleich.

Irgendwann ist Frau Zhang dann doch fertig. Mein Konto und mein Onlinebanking sind endlich eingerichtet. Auf einem Haufen sind die weißen Originale, mir gibt sie die blauen Durchschläge. Ich bitte sie um ein Foto: Ich würde gerne sie inmitten der Dokumente aufnehmen. Erst da  hält sie inne, denkt kurz nach und fängt an zu kichern. In kafkaesken Momenten lächelt man nicht, man lacht.

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