Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Religion in den USA
Beten hilft!

Viele Amerikaner sind religiös, aber längst nicht alle davon sind konservativ. Die persönliche Erfahrung zeigt: Fromm zu sein hat in den USA ganz viele Varianten. Eine Weltgeschichte.
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New YorkDer Pfarrer, hochgewachsen mit deutschem Namen und deutschen Vorfahren, begrüßt mich auf Deutsch mit „Herzlich Willkommen!“ Im Grunde bin ich schon in diesem Moment in die Gemeinde aufgenommen. Sie ist in den letzten vier Jahren für mich, der ich zuvor nie ein regelmäßiger Kirchgänger war, zu einer Art Familienersatz geworden.

Auch in den USA nimmt die Zahl der Kirchenbesucher und -mitglieder ab. Aber insgesamt ist das Land doch noch viel mehr religiös geprägt als zum Beispiel Deutschland. Aus der Ferne fallen dabei meist die sehr konservativen Christen ins Auge. Diejenigen, die zum großen Prozentsatz Donald Trump gewählt haben, um sicherzustellen, dass er Konservative ins Oberste Gericht der USA beruft, Leute, die gegen Abtreibungen und Schwulenehen sind.

Aber dieses Bild täuscht. Meine eigene Gemeinde, mitten in Manhattan am Times Square gelegen, ist dafür das beste Beispiel. Ein altmodisches Gebäude, viel klassische Musik, viele alte liturgische Traditionen. Aber hier sind Schwule ausdrücklich willkommen und können in der Kirche heiraten. Die meisten Gemeindemitglieder sind, jedenfalls für amerikanische Verhältnisse, links oder zumindest sehr liberal. Religion hat hier eindeutig auch eine soziale Komponente.

Wenn man aus dem säkularen Deutschland kommt, verwirrt die häufig zu hörende religiöse Sprache zunächst, wirkt mitunter sogar aufgesetzt. In Amerika ist es völlig normal zu sagen „Gott segne dich“. Das sagen sich nicht nur Kirchgänger gegenseitig, so bedanken sich auch Bettler auf der Straße. Auch die Formel „Ich bete für dich“ ist viel häufiger zu hören als in Deutschland. Und meistens ist sie auch wörtlich gemeint. Ich habe selber die Erfahrung gemacht, dass sie auch Trost bieten kann, wenn man welchen braucht. Beten hilft: Man weiß, dass andere an einen denken. Man fühlt sich nicht allein in dieser riesigen Stadt, in der man sich schnell allein fühlen kann.

Kirchengemeinden sind in den USA vor allem Gemeinschaften. Man betet nicht nur zusammen, sondern isst auch zusammen und verbringt die Freizeit gemeinsam. Jeder in dem Maß, wie er will, niemand wird gezwungen, das ist jedenfalls meine Erfahrung. In einer Stadt, wo es viele Bettler und viele Milliardäre gibt, treffen sich Leute mit viel und wenig Geld in der Kirchenbank.

Kommentare zu " Religion in den USA: Beten hilft!"

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  • Religion ist ein prima Geschäft, bei 7 Milliarden Menschen sollte ich eine gründen. Die Mitglieder bekommen ihre Dividende, wie jetzt schon beim Mitbewerb, nach dem Tode. Klima-Ablaß statt Klima-Abgabe klingt doch gleich viel besser.

  • "... niemand wird gezwungen, ..."

    Andernfalls wäre es keine Religion, sondern Blasphemie.

    Wir haben unseren Intellekt nämlich mitbekommen, damit wir selbst Gebrauch davon machen. Und dies auch allen anderen zugestehen.

  • In Deutschland ist das leider nicht mehr erlaubt!

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