Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Der Besuch der jungen Dame

Wie ein Opernstar in New York eine kleine Theateraufführung besucht und sich dabei bemüht, trotz einer göttlichen Stimme keine Allüren zu zeigen. Große Oper und kleines Theater – in New York kommt alles eng zusammen.
  • 1

Richard ist ein älterer Schauspieler und Regisseur mit einer sonoren Stimme, die ihm eine gewisse Autorität verleiht. Er spielt auch Klavier. Er wohnt seit Jahrzehnten in meiner Straße in einem Apartment-Komplex mit preisgünstigen Wohnungen für Künstler. Richard trägt gerne Anzüge und bunte Krawatten, manchmal einen Hut und hin und wieder eine Brille mit runden, rosa Gläsern. Im Wahlkampf lief er mit einem Anstecker für Bernie Sanders herum und erklärt jedem, dass er Hillary Clinton noch weniger leiden kann als Donald Trump.

Richard ist Literat. Er hat das Stück „Le roi s’amuse“ von Victor Hugo aus dem Französischen ins Englische übersetzt und eine Aufführung in der Lounge unserer Kirchengemeinde auf die Beine gestellt. Er macht das häufiger: kleine Aufführungen organisieren. Die Schauspieler sind meist Freunde oder Bekannte, häufig auch Mitglieder der Gemeinde. Es wird ohne Kostüme gespielt und mehr gelesen als auswendig vorgetragen. Das Publikum umfasst meist kaum mehr als 20 andere Freunde und Bekannte. Der Eintritt ist frei, und gegen eine Spende bekommt man in der Pause Wein und Kekse.

Solche kleinen Aufführungen oder Lesungen gibt es häufig in New York. Wenn wegen der großen Konkurrenz kaum Geld zu verdienen ist, bieten sich Projekte mit geringem Aufwand an.

Ich habe mir „Le roi s’amuse“ angeschaut. Richard führte Regie. Chuck spielte eine der Hauptrollen. Chuck ist richtig im Geschäft, manchmal ist er Monate lang mit einem Musical auf Tournee. Paul untermalte das Stück hin und wieder mit Einlagen am Klavier. Paul ist so ein Musiker, den man jede Art von Noten vor die Nase setzen kann. Er beugt sich dann leicht vor, spielt alles, was da steht, auch wenn er es vorher noch nie gesehen hat, und wippt manchmal mit dem Hintern dazu. Er spielt Abend für Abend in einem Musical am Broadway. Chuck und Paul sind verheiratet und wohnen im selben Wohnblock wie Richard. Ihnen geht es ganz gut. Ein paar der anderen Schauspieler hatten noch nie größere Rollen, schlagen sich mit Engagements als Statisten durch oder bedienen in Restaurants, um sich über Wasser zu halten. Angeblich sind in New York rund 90 Prozent aller Schauspieler mehr oder minder arbeitslos.

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich das Theaterstück kenne. Irgendwann fiel dann der Groschen, oder in New York eher der Dime, die kleine Münze für zehn Cents. Die Handlung ist dieselbe wie in der Oper „Rigoletto“ von Verdi, Victor Hugos Stück hatte dafür als Vorlage gedient. Ich hatte Rigoletto ein paar Jahre zuvor in New York in der berühmten „Met“, der Metropolitan Opera, gesehen, in einer altmodischen Inszenierung. Aber in einer neuen Auflage, hatte ich gelesen, wurde die Handlung ins raue New York verlegt. Gilda, die Hauptperson, wird nicht ermordet in einem Sack transportiert, sondern im Kofferraum eines alten Straßenkreuzers.

Als das Stück zu Ende war, klatschten alle freundlich. Richard bedankte sich. Dann sagte er: „Wir haben heute einen Ehrengast bei uns. Ich begrüße Olga Peretyatko, die zurzeit in der Met die Gilda singt.“ Großes Raunen im Saal, alle Köpfe drehten sich suchend um. Ich hatte den Namen noch nie gehört, ich kenne mich in der aktuellen Opern-Szene nicht aus, aber mir war klar: Wer an der Met eine Hauptrolle singt, muss eine wunderschöne Stimme haben, ist ein Weltstar. Direkt vor mir erhob sich unter Applaus eine aus meiner Perspektive relativ junge Frau, die am Rand einer Stuhlreihe saß und mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war.

Sie verbeugte sich kurz und war bald von allen Seiten umringt. Als sie sich umdrehte, konnte ich feststellen, dass nicht nur ihre Stimme wunderschön war. Richard, ein harter Opern- und Olga-Fan, hatte es geschafft, mit ihr in Kontakt zu treten und sie zu seiner kleinen Aufführung eingeladen. Und sie war gekommen.

Olga, in Russland geboren und überall auf der Welt zu Hause, gab sich dann ganz „approachable“, wie die Amerikaner sagen. Redete mit jedermann, ließ geduldig Selfies mit einigen jungen Sängern aus dem Publikum über sich ergehen. Bemühte sich, wie jemand aufzutreten, um den man kein besonderes Aufsehen machen muss.

Diven wie früher Maria Callas haben ausgedient. Wer heute ein Star ist, muss zwar göttlich singen, aber davon abgesehen als Mensch auftreten. Olga war auch sonst modern: Einmal fotografierte sie als ermordete Gilda im Inneren des Kofferraums und stellte das anschließend auf Instagram.

Nach einer Weile verabschiedete sie sich von Richard. Im Scherz sagte sie: „Kannst du auch Lucia di Lammermoor übersetzen? Das singe ich demnächst.“ Richard hatte nicht seine rosa Brille auf. Aber seine Augen flimmerten.

So hatte sich die große Welt des Theaters freundlich herabgelassen in die kleine Welt einer privaten, wenn auch durchaus professionellen Aufführung. Die Met, der Broadway, die Lounge in der Kirche, die großen Apartments der Opernstars am Central Park und die kleinen Apartments für Künstler mit schmalem Geldbeutel: Das alles liegt in meiner Nachbarschaft recht eng zusammen, zu Fuß erreichbar in maximal 20 Minuten. Und diese Nähe, diese Mischung ist es, welche die Stadt New York ausmacht.

Kommentare zu " Weltgeschichte: Der Besuch der jungen Dame"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Wie ein Opernstar (...) sich bemüht, trotz einer göttlichen Stimme keine Allüren zu zeigen"

    Wenn sie es schafft, den Menschen Freude zu bereiten, braucht sie das gar nicht. Dann verzeihen ihr die Leute sicher (fast) alles.

    Vor allem, wenn man bedenkt, wieviele Leute ganz ohne göttliche Stimme (und auch sonst meist ohne jeden echten Unterhaltungswert) sich "Allüren" herausnehmen...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%