Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
So viel mehr als Donald Trump

Unser US-Korrespondent Frank Wiebe ist nach fünf Jahren in der Millionenmetropole New York City nach Deutschland zurückgekehrt. Ein Grund zurückzublicken und festzustellen: Die Amerikaner sind so viel mehr als Trump.
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New York City„Sei allem Abschied voran.“ So beginnt eines der „Sonette an Orpheus“ von Rilke. Ich habe das in New York versucht. Ich habe mich früh mental darauf vorbereitet, dass mein fünfjähriger Aufenthalt dort zu Ende geht, dass es ein letztes Thanksgiving, ein letztes Weihnachten, eine letzte Kirschblüte im Central Park, eine letzte Reise – in dem Fall durch Montana und Wyoming – und letzte Zusammentreffen mit Freunden geben wird, die mir ans Herz gewachsen sind, und bei denen ein Wiedersehen lange Zeit dauern kann oder ganz ungewiss ist. So ist es mir leicht gefallen, in Deutschland, in Frankfurt, neu zu starten und mich hier gleich wohl zu fühlen.

Wenn ich zurückblicke auf die Zeit in Amerika, ist nur ein kleiner Schuss Wehmut dabei. Es überwiegt die Dankbarkeit. An eine Stadt, die mehr zu bieten hat, als man selbst in 50 Jahren erschöpfend wahrnehmen könnte. An die Offenheit der Amerikaner. An das gigantische Kulturangebot, das von Kunstmuseen und der großen Oper, bis hinab zu den Breakdancern reicht, die in der U-Bahn mit gewagten freien Überschlägen und Akrobatik an den Haltestangen ein paar Dollar dazu verdienen.

Was fehlt mir, wenn ich zurückschaue? Ist es die Oper? Sind es die Jazzlokale? Die Aufenthalte auf Roof-Tops, der Ausblick über ganz Manhattan in warmen Sommernächten? Die Wolkenkratzer? Der abendliche Gang zum Hudson-River, wo manchmal in der Dunkelheit große Kreuzfahrtschiffe, erleuchtet wie gewaltige Laternen, vom Pier aus, von kleinen Schleppern geschoben und unterstützt, rückwärts setzen und dann langsam Fahrt nach vorn aufnehmen, in das Hafenbecken hinein, an der Freiheitsstatute vorbei und dann unter der hohen Verrazano-Brücke zwischen Brooklyn und Staten Island hindurch hinaus in Richtung der offenen See fahren?

Oder sind es die Gegenden, die ich auf meinen Reisen gesehen habe? Die Alligatoren in den Sümpfen bei New Orleans, die blühende Wüste mit ihren bizarren Kakteen bei Tucson in Arizona? Die Pueblos, allen voran Taos, von New Mexico? Die Berge im Grand Teton von Wyoming? Auch das fehlt mir. Aber die Reisen waren, zusammen gerechnet, nur ein Bruchteil der Jahre meines Aufenthalts. Was mir an Amerika wirklich fehlen wird, sind die Amerikaner, die Freunde dort, und ihnen gilt meine Dankbarkeit. Enge Freundschaften gehen zwar nicht ganz verloren, wenn man sich verabschiedet. Aber sie sind eben auch nicht mehr so eng.

Ich habe in New York Menschen kennengelernt, die extrem großzügig sind – mit ihren Gefühlen, mitunter auch mit ihrem Geld. Die mir ohne Vorbehalte begegnet sind und dazu beigetragen haben, dass ich mich ein paar Wochen nach Ankunft in der Stadt und bis zur letzten Minute vor dem Abflug als New Yorker gefühlt habe. Diese Stadt ist gigantisch groß, da schließt man sich zusammen, um sich nicht verloren zu fühlen. Und was mich oft beeindruckt hat, ist, wie stoisch die Amerikaner sind. Stoisch im ursprünglichen Sinn: Sie ertragen Dinge, die sie nicht ändern können, ohne sich ständig darüber zu beschweren. Das Leben als Amerikaner ist schwer. Man kann sehr schnell und überraschend seinen Job verlieren. Ich kannte jemanden, der noch schnell zu allen möglichen Ärzten gegangen ist als sein Job bedroht war – weil damit auch die Krankenversicherung weg gewesen wäre.

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