Welthunger-Index 2017
Zwei Schritte vor, einer zurück

Weltweit leiden heute weniger Menschen an Mangelernährung als noch im Jahr 2000 – das ist die gute Nachricht des Welthunger-Index 2017. Doch die Verbesserungen sind nur regional zu spüren. In Afrika bleibt das Leid groß.
  • 0

BerlinDie Zahlen sind alarmierend: Erstmals nach gut einem Jahrzehnt nahm die Zahl der Hungernden im vergangenen Jahr wieder zu. Sie stieg laut Welternährungsorganisation FAO von 777 auf 815 Millionen Menschen, so eine Statistik der Vereinten Nationen. Das sind 38 Millionen mehr als im Vorjahr – jeder zehnte Mensch auf der Welt ist betroffen. Das Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen, bis 2030 den Welthunger vollständig zu bekämpfen, rückt damit in weite Ferne.

Dennoch gibt es Grund für Optimismus. Das zeigt der zwölfte Bericht zum Welthunger-Index (WHI), den die Welthungerhilfe am Donnerstag in Berlin präsentierte. Demnach lösen jüngste Krisen und Katastrophen wie die Konflikte im Syrien oder im Jemen, derzeit zwar wieder vermehrt Hungersnöte aus. Der langfristige Trend ist allerdings positiv. Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, resümierte bei der Präsentation vorsichtig: „Es gibt Fortschritte in einigen Länder. Andere bleiben davon aber weiterhin ausgeschlossen.“

Im Gesamtbild machen sich die Teilfortschritte bemerkbar. So verbesserte sich in den vergangenen 17 Jahren der Gesamtwert des WHI, der sich aus vier Indikatoren zusammensetzt, um 27 Prozent. In Ländern wie Kambodscha, Myanmar und Kenia waren die Fortschritte besonders stark: Waren beispielsweise in Kambodscha im Jahr 2000 noch etwa 46 Prozent der Bevölkerung von Hunger betroffen, sind es derzeit nur noch rund 22 Prozent. Dennoch landet das südostasiatische Land im WHI-Ranking auf Platz 75 von insgesamt 119. Deutlich beruhigt hat sich die Lage in Brasilien, Peru und Senegal – die Welthungerhilfe stuft die Krisenlage dort nur noch als „mäßig“ ein.

Außergewöhnlich schlecht dagegen verlief die Situation in der Zentralafrikanischen Republik. In den vergangenen 17 Jahren gab es keinerlei Verbesserungen. Mit rund 51 Prozent ist der Anteil an Hungernden in der Bevölkerung hier so groß wie nirgendwo sonst in den untersuchten Staaten. Stillstand auch in Sri Lanka: Waren dort 2000 rund 26,8 Prozent der Bevölkerung betroffen, sank der Wert bis 2017 lediglich um 1,3 Prozent.

Insgesamt hat die Organisation in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (Ipfri) 119 Länder untersucht. Für 13 Länder konnte kein Wert ermittelt werden – neun davon gäben dennoch Anlass „zu ernster Besorgnis“, so der WHI-Bericht. Darunter sind die Krisengebiete Libyen, Somalia, Südsudan und Syrien. „Nicht auszuschließen, dass eines dieser Länder noch hinter der Zentralafrikanischen Republik gelandet wäre, wenn wir dort hätten messen können“, sagte Ipfri-Forscher Klaus von Grebmer in Berlin.

Laut Grebmer gebe es zwei Faktoren, die maßgeblich zu einer Hungersnot beitragen: Schlechte Regierungsführung und Kriege. Alles in allem sei der Kampf gegen Hunger deshalb „keine große Hexerei“ – wenn die Bereitschaft der lokalen Machthaber und der internationalen Gemeinschaft da wäre, den Betroffenen zu helfen. Besonders dringend ist die Lage laut WHI-Bericht neben der Zentralafrikanischen Republik derzeit in Sudan, Jemen, Sambia, Madagaskar, Sierra Leone, Tschad und Liberia.

Kommentare zu " Welthunger-Index 2017: Zwei Schritte vor, einer zurück"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%