Weltwirtschaft
So scheitert die Globalisierung

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts fiel die offene Weltwirtschaft in Scherben – auch dem zweiten Anlauf droht mittlerweile ein Fehlschlag. Denn in den meisten Ländern stehen die Zeichen mittlerweile nicht mehr auf Öffnung, sondern auf Stopp. Ein Essay.

Ökonomen und Historiker können sich auf eine spannende Kontroverse vorbereiten: Woran ist die Globalisierung gescheitert? Ist die Politik schuld, weil sie kurzsichtig agiert hat? Liegt es an den Mittelschichten, die um ihren Status bangen? Geht der Misserfolg vor allem auf die USA zurück, die sich abgeschottet haben? Oder hat die Mitte 2007 ausgebrochene Finanzkrise den offenen Weltmarkt gemeuchelt?

Moment – Scheitern der Globalisierung? Es scheint absurd, den Gedanken auch nur auszusprechen. Genauso absurd, wie das den Menschen erschien, die Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts die erste Globalisierung erlebten. Auch sie kannten nichts anderes als eine völlig integrierte Weltwirtschaft. Dass diese Ordnung zusammenbrechen könnte, war unvorstellbar. „Niemand glaubte an Kriege, Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft“, schrieb Stefan Zweig rückblickend in seinem Buch „Die Welt von gestern“.

Ein paar Jahre später, am Ende des Ersten Weltkrieges, lag diese Welt in Scherben. Und alle Versuche, sie wieder zusammenzufügen, scheiterten. Die politischen Bedingungen des früheren offenen Weltmarktes waren weggefegt: Im 19.Jahrhundert konnten die Preise und Löhne völlig frei schwanken, weil die betroffenen Gewerbetreibenden, Landwirte und Arbeiter fast keine politischen Rechte oder legale Organisationen hatten. Lohnsenkungen um 30 oder 40 Prozent in einem Jahr waren keine Seltenheit, ähnlich heftig waren die Preisschwankungen bei Agrarprodukten, die Europas Farmer zu Tausenden vom Markt fegten. Die Verbreitung der Demokratie beendete die ökonomische Wehrlosigkeit breiter Schichten – und damit aber auch die Selbstverpflichtung der Nationen, offenen Märkte unbedingte Priorität einzuräumen.

Machtvolle Bewegungen, die auf nationale Autarkie oder Vorrang für die Lösung der sozialen Frage setzten, verhinderten nach dem Ersten Weltkrieg die Wiederherstellung des freien Weltmarktes. Faschisten und Kommunisten waren ihre radikalsten Exponenten. Ähnlich wie heute, wenngleich deutlich heftiger, gab es aber bis weit in die bürgerliche Mitte hinein eine Abscheu vor dem liberalen Kapitalismus: „Eine Legitimität des Geldes hat es nie gegeben und wird es nie geben … Hitler, Stalin und Mussolini haben vollkommen begriffen, dass einzig die Diktatur mit der Raffgier der bürgerlichen Klasse zu Rande kommen kann“, schrieb 1938 der konservative, streng katholische französische Schriftsteller Georges Bernanos, der sich nach Kriegsausbruch vehement gegen die Nazis wandte.

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