Weltwirtschaftsforum: Davos – der Gipfel der Verunsicherung

Weltwirtschaftsforum
Davos – der Gipfel der Verunsicherung

Äußerlich geht beim Weltwirtschaftsforum in Davos alles den gewohnten Gang. Doch ein Blick ins Innere des Spektakels zeigt, wie sehr die Finanzkrise die Welt bereits aus den Angeln gehoben hat. Da erscheint so manchem Banker plötzlich China als Vorzeigemodell.

DAVOS. Höhenluft. Trocken, spärlich, anregend. Für Günter Menz, den Leiter der letzten großen Klinik in der höchstgelegenen Stadt Mitteleuropas, ist die eigenartige Zusammensetzung des Davoser Äthers Grundlage auch des ökonomischen Wohlergehens. "Die therapeutische Wirkung der Höhenlage ist unbestritten", sagt Menz. Asthmatiker, Allergiker, zu seiner Klinik auf 1 650 Meter Seehöhe kommen Patienten aus ganz Europa. Von der Terrasse aus geht der Blick auf das dieser Tage über Gebühr bevölkerte Tal, deutlich sind die Pulks der schwarzen Luxuslimousinen auszumachen und die Menschenschlangen vor den beiden zentralen Plätzen einer Veranstaltung, die einmal als 38. Weltwirtschaftsforum in die Geschichte eingehen soll.

Hier oben, mit einer gewissen Distanz also, nimmt sich das Treiben in Davos-Stadt geradezu belanglos aus. In der Höhenklinik hat man existenziellere Sorgen als dort unten im Hotel Belvedere und im Davoser Kongresszentrum, jenem Labyrinth aus Beton und schlechtem Geschmack. Nach Meinung eines führenden deutschen Unternehmenslenkers eignet sich der Bau eher für die Jahrestagung des Verbands der europäischen Brieftaubenzüchter denn als Treffpunkt einer Versammlung von 2 500 Menschen, die von Klaus Schab, dem Erfinder dieses Phänomens im Gebirge, bevorzugt als "global leader" verkauft werden. 41 Regierungschefs und Staatsoberhäupter sind gekommen, zahllose Unternehmensführer aus aller Welt, unzählige Banker darunter. Es sind nur wenige, die sich nicht wie üblich getraut haben. Die Commerzbank immerhin glänzt mit Abwesenheit.

Davos 2009, das ist zunächst wie immer ein Bombardement von Fakten, Zahlen und Veranstaltungen, mit dem, so der wie immer anspruchsvolle Titel des Treffens, die Welt nach der Krise gestaltet werden soll. Die unbestritten aufreizende Wirkung der Luft trägt ihrerseits dazu bei, dass in dieser Atmosphäre eine schier unglaubliche Menge an Sprüchen und Worthülsen produziert wird. Doch diese heiße Luft hat immer schon zum Gipfeltreffen im Schnee dazugehört, wer das nicht mag, der sollte Davos lassen. Denn auf die großen Sprüche kommt es wahrscheinlich in diesem Jahr 2009 noch weniger an als sonst, Davos, das ist vor allem das ganz große Netzwerk-Treffen im Schnee. "Nirgendwo sonst habe ich in dieser Dichte und Fülle Gelegenheit, Gespräche mit wichtigen Kunden und Kollegen zu führen", sagt Werner Wenning, der Chef von Bayer.

Ende des 19. Jahrhunderts hat Robert Koch den Mycobazillus tuberculosis entdeckt, erst 1950 fand sich mit dem Streptomycin das wirksame Antibiotikum. 59 Jahre danach grassiert in der Forums-Gemeinde indes eine neue Form der Schwindsucht, sie hat nicht nur die Aktienkurse und das Vermögen vieler Anleger unten im Tal ruiniert, sondern vor allem eines gekostet: Vertrauen. Auf gut zwei Billionen Dollar schätzt ein Notenbanker die Summe dessen ein, was die Wirtschaftskrise schon an Vermögen gekostet hat. Die Bank von England hat die staatlichen Hilfspakete zusammengerechnet und ist auf gut sieben Billionen Dollar gekommen. Doch kaum einer glaubt an eine schnelle Wirkung dieser Hilfen, die meisten geben 2009 schon verloren.

Ein globaler Stress-Test

"Wir weigern uns immer noch, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen", sagt Niall Ferguson. Der US-Historiker spricht von der "Great Repression", also der großen Verdrängung der Eliten. Diese sei gerade in Davos spürbar. Ferguson glaubt, dass die Staatsdefizite eine Höhe erreicht haben, die man nur aus Kriegszeiten kannte. "Amerika ist jetzt dort, wo Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg war." Angesichts solcher Untergangsstimmung geraten zentrale Themen wie die Zukunft der Energieversorgung in den Hintergrund.

So wird die 38. Auflage des Forums vor allem eins: ein Gipfel der Verunsicherung, ein globaler Stress-Test, vor allem für die Teilnehmer aus Amerika und Großbritannien.

Es gibt unterschiedliche Therapien, damit umzugehen. Der eine verfällt in Depression, der andere in Sarkasmus. Während der Historiker Ferguson schon vor einer verlorenen Dekade für die ganze Weltwirtschaft warnt, üben sich zwei Investmentbanker aus den USA in Untergangsstimmung. Erst hätten sie ihren Heimatmarkt ruiniert, jetzt sei die Welt dran. Roberto Quarta, Partner einer Private-Equity-Boutique aus London, setzt ein freundliches Lächeln auf bei der Frage, wie es denn weitergehen soll. "Wir sind noch lange nicht am Ende angekommen."

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