Weltwirtschaftsforum Davos: „Gewitter? Es scheinen keine zu drohen“

Weltwirtschaftsforum Davos
„Gewitter? Es scheinen keine zu drohen“

Die großen Themen sind heute: Euro-Krise, Digitalwelt und Japan. Ministerpräsident Abe wird seine Geldpolitik verteidigen. Zuvor diskutieren Ökonomen und CEOs über Europa und die Finanzkrise. Tag eins zum Nachlesen.
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Heute beginnt das Programm auf dem Weltwirtschaftsforum. Rund 2500 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft erwarten die Veranstalter in Davos. Das Handelsblatt ist mit vier Reportern vertreten: Sven Afhüppe, Michael Maisch, Wolfgang Reuter und Torsten Riecke. Wir versorgen Sie in unserem Liveblog mit exklusiven Nachrichten, Berichten, Interview-Auszüge und auch der einen oder anderen Anekdote vom Rande des Forums. Hier gibt es den ersten Tag zum Nachlesen.

+++„Ich bin immer noch besorgt“+++

Führende Manager haben Zweifel an einer raschen Erholung in Europa. Der Verwaltungsratspräsident der Schweizer Großbank UBS und Ex-Bundesbankpräsident, Axel Weber, sagte, Europa habe die Krise keineswegs hinter sich. Das Wachstum sei sechs Jahre nach Ausbruch der Krise immer noch zu kraftlos, um die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen zu meistern, sagte Weber: „Ich bin immer noch besorgt.“

+++ Davos 2014 – die neue Machtfrage +++

Die Handelsblatt-Beilage zum World Economic Forum finden Sie jetzt zum Download im Kaufhaus der Weltwirtschaft. Lesen Sie dort wie die Eliten aus Politik und Wirtschaft um ihren globalen Einfluss kämpfen, von einer „Welt ohne Führung“ und vom „Klug der jungen Lichter“.

+++ Gute Laune unter den Investmentbankern +++

Die Investmentbanker gehen voller Optimismus ins neue Jahr. Viele in Davos hoffen, dass die Megadeals in den kommenden Monaten auch in Europa zurückkehren. Große Übernahmen und Börsengänge könnten wieder zur Normalität werden. „Zum ersten Mal seit fünf Jahren sehen wir zwar einige Wolken am Horizont, aber Gewitter scheinen keine zu drohen“, fasst Christian Meissner, Leiter des globalen Investmentbankings der Bank of America zusammen. (mm)

+++ Frauenquote auf Japanisch +++

Mächtige Männer brauchen viele Helfer. So wie Shinzo Abe. Der japanische Premierminister brachte zur Unterstützung in Davos gleich ein ganzes Herr von eifrigen Regierungsmitarbeitern mit. Knapp 20 Helfershelfer folgten Abe auf Schritt und Tritt durch das Congress Centrum. Auffällig: Keine einzige Frau begleitete den japanischen Premierminister. Mit der Männervorherrschaft soll bald Schluss sein. Abe will den Anteil von Frauen in Politik und Wirtschaft künftig deutlich erhöhen. Die Initiative kommt offenbar vom Weltwirtschaftsforum (WEF), wie das Handelsblatt erfuhr. Allerdings hat auch das WEF bei dem Thema noch Nachholbedarf: Bei den Teilnehmern liegt die Frauenquote bei 15 Prozent. Da geht noch was.

+++ Leider keine Fensterplätze +++

Das Leben in Davos könnte so schön sein, weiß unser Reporter Michael Maisch zu berichten. „Wenn man nicht den ganzen Tag in Konferenzräumen ohne Tageslicht verbringen würde.“

+++ Misstrauen gegenüber den Bankern +++

In Davos finden sich auch die Vorstandsvorsitzenden der großen Banken ein. Sie hatten im vergangenen Jahr mit Rechtskosten in Rekordhöhe, neuen Vorwürfen über Fehlverhalten und niedrigeren Gewinnen zu kämpfen.

+++ Big Brother oder kleine Schwester? +++

Das Thema Cybersecurity ist am ersten Tag des WEF in Davos das alles bestimmende Thema. Besonders groß war das Gedränge bei der Debatte über den Big Brother – eine Anspielung auf den Roman 1984 von George Orwell. Für Toomas Hendrik Ilves war der Titel allerdings falsch gewählt. „Wir sollten besser von der kleinen Schwester als vom großen Bruder sprechen“, sagte der Präsident Estlands, „es geht darum, dass jemand alles wissen will und es jedem weitererzählt.“

Der US-Senator Patrick Leahy, ein Kritiker, der Datensammelwut des Geheimdienstes NSA, forderte ein Limit für die sogenannten Mega-Daten, die von staatlichen Stellen, aber auch von Unternehmen erhoben werden. Über die Kritik aus dem Ausland an den USA wunderte sich der US-Politiker dennoch: „Das erinnert mich an den Film Casablanca, in dem der französische Polizist scheinbar völlig überrascht ist, das in Ricks Cafe Glücksspiel stattfindet.“ Bradford Smith, Chefjurist von Microsoft, hält die Anonymisierung der Mega-Daten für eine Möglichkeit, eine Balance zwischen den Sicherheitsbedürfnissen und dem Schutz der Privatsphäre zu finden. (tor)

++ Schuldenstand der Euro-Zone erstmals seit 2007 gesunken ++

Der Schuldenstand der Euro-Staaten ist erstmals seit fast sechs Jahren gesunken: Die öffentlichen Schulden der Mitgliedstaaten betrugen zum Ende des dritten Quartals des vergangenen Jahres 92,7 Prozent der Wirtschaftskraft der Euro-Zone, wie die EU-Statistikbehörde Eurostat am Mittwoch mitteilte. Im Vorquartal hatte der Wert noch bei 93,4 Prozent gelegen. Damit ging der Schuldenstand der Eurozone erstmals seit Ende 2007 zurück.

+++ Wo und wie viel über das WEF getwittert wird +++

++ Was Europa hilft? „Ein flexibler Arbeitsmarkt“ ++

Martin Sorrell, CEO der WPP Group, hat eine klare Vorstellung davon, was Europas Wirtschaft hilft. Drei Dinge seien entscheidend: „Ein flexibler Arbeitsmarkt, ein flexibler Arbeitsmarkt und ein flexibler Arbeitsmarkt.“ Mit diesem Appell an die Politik endet die Gesprächsrunde zu Europa.

+++ „Die Euro-Zone braucht eine Fiskalunion“ +++

Kein Verständnis hat der Ökonom Kenneth Rogoff für alle Europäer, die eine weitere Integration der Euro-Zone ablehnen und sagen: „Es reicht so wie es derzeit ist.“ „Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden“, sagt Rogoff. Das Gegenteil sei der Fall. Deshalb plädiere er auch für eine Fiskalunion.

+++ Jeder redet von Reformen, aber sie kommen nicht +++

Arbeitsmarktreformen mahnt der Giuseppe Recchi, Chairman beim italienischen Energiekonzern Eni, an. Junge Menschen würden am Markt vorbei ausgebildet. „Wenn sie dann von der Uni kommen und vier, fünf Jahre einen Job suchen, dann sind sie zu alt, um bei einem Unternehmen wie unserem unterkommen zu können. Dann rückt schon die nächste Generation nach.“

+++ Europawahl als großes Risiko +++

Nach all den Jahren der Krise, sei es normal, dass man nun vor allem die positiven Dinge sieht, sagt Axel Weber. Dennoch gibt es auch 2014 Risiken für Europa, sagt der frühere Bundesbankchef und jetzige UBS-Verwaltungsratspräsident in der Runde „Ist Europa wieder da?“. Er nennt zwei: die Europawahl und die Auswirkungen der Stresstests für die europäischen Banken, den laut Weber einige nicht meistern werden. Sollten außerdem bei der Wahl im Mai eine Menge Euro-Kritiker ins Parlament gewählt würden, würde das die Politik in Europa erheblich verkomplizieren. „Was das bedeutet sieht man an der Tea Party in den USA“, sagt Weber.

+++ „Die Rezession ist noch nicht vorbei“ +++

Kenneth Rogoff, der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, ist ein brillanter Ökonom. Was er sagt, beeinflusst Politik und Märkte. Als Rogoff heute morgen gefragt wurde, wie er die Zukunft Europas einschätzt, überlegte er nicht lange: „Die Rezession ist noch nicht vorbei“, sagte er kurz und knapp. Europas politische Elite, die die ökonomische Perspektive viel positiver sieht, sollte sich mit dem Mann dringend zum Beratungsgespräch treffen. (saf)

+++ Dem Forum fehlen die Frauen +++

Schon vor fünf Jahren fragte die Businessweek: „Davos 2009: Where are the women?“ Zwischen 2001 and 2005 lag der Frauenanteil unter den WEF-Besuchern zwischen neun und 15 Prozent, in den Folgejahren zwischen 15 und 17 Prozent. Eine weitere Steigerung hat es in diesem Jahr nicht gegeben: 395 Frauen seien in diesem Jahr gemeldet, berichtet die „Time“, was einem Anteil von 15 Prozent entspricht.

++ Wirtschaftsminister Gabriel kommt – aber erst 2015 ++

Die nach Davos gereisten deutschen Manager sind nicht gut zu sprechen auf die eigene Regierung. Grund für die Verstimmung ist die Absage eines Klassikers während des Weltwirtschaftsforums: Das Hintergrundgespräch mit den Vorstandschefs der großen deutschen Unternehmen und einem Mitglied des Kabinetts. „Offenbar ist das Interesse an einem gemeinsamen Gespräch nicht besonders hoch“, klagt ein Konzernchef. Offenbar habe die Politik den Eindruck, dass die Wirtschaft auch ohne politischen Beistand erfolgreich laufe. Im nächsten Jahr soll das Treffen wieder stattfinden. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel habe sein Kommen für 2015 bereits zugesagt, erfuhr das Handelsblatt. (saf)

+++ Meditieren mit Hollywood-Star Goldie Hawn +++

Am Rande des Hauptforums wird in diesem Jahr erstmals ein Gesundheits-Gipfel stattfinden. Manager, Wissenschaftler und Politiker sprechen dort über die größten Herausforderungen – und Stress-Bekämpfung. Hier der ganze Bericht:

+++ Gefahrenherde sind Brasilien und die Türkei +++

Eigentlich geht die in Davos versammelte Wirtschaftselite ziemlich zuversichtlich ins neue Jahr. Aber es gibt Ausnahmen: Vor allem die Emerging Markets treiben vielen Experten die Sorgenfalten auf die Stirn. Der Anlagechef eines großen Vermögensverwalters hält sogar eine ausgewachsene Krise für möglich. Die größte Gefahr sieht er in Brasilien und der Türkei. Zitieren lassen will er sich mit diesen Aussagen allerdings nicht. Man will ja schließlich nicht die gute Stimmung in den Schweizer bergen verderben. (mm)

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  • ...ein flexibler Arbeitsmarkt. Jaja.

    Herr Sorrell hat Recht und geht vom britischen Vorbild aus. Nur der Unterschied ist: Die Briten helfen sich im Arbeitsmarkt gegenseitig erstaunlich gut und schnell.

    In Deutschland liegt die Flexibilität schon auch sehr an den Unternehmern. Sie wollen alle Flexibilität, vergessen aber, dass sie selbst erfolgreicher nach Arbeitskräften suchen müssen. Den Unternehmen wäre am liebsten, dass jemand vorbeikommt, der genau passt, zum richtigen Zeitpunkt und in richtiger Anzahl...

    Es ist in Deutschland selten so, dass Arbeitskräfte branchenübergreifend arbeiten. Ohne Stallgeruch gehts selten, es sei denn irgendwas wird grad dringend gebraucht, weil es niemand anderes im Unternehmen machen will.

    Die Mentalität ist eher: das war schon immer so, also machen wir das weiter so. Wie soll das flexibel werden? Das steckt doch in den Köpfen.

  • @Nettie

    Ihre Ausführungen mögen für den Rest der Welt wohl gelten. Für D passen sie nicht. Zu dieser Erkenntnis bin ich nach dem Ergebnis der Bundestagswahl gekommen.
    D hat es genauso haben wollen. Und schön weiter so.

    Schönen Abend noch.

  • Das Schlimme an der Weltkrise ist doch, dass jene am lautesten klagen, die auf kosten der anderen leben.

    Beispiel Deutschland:

    Eine völlig überdimensionierte Beamtengesellschaft lebt in Saus und Braus von den über 200 Milliarden EUR, die von den braven und ohnmächtigen Steuerpflichtigen jährlich für deren fettes Leben aufgebracht werden muss. Einsparungen werden zwar ständig versprochen, aber niemals umgesetzt.

    Nach diesem Muster läuft es weltweit. Beispiel DAVOS:

    Hier sagt jeder von den sog. Top- Managern, was eigentlich getan werden müsste und das schon seit 20 Jahren....

    Dann reisen die fetten Nutzniesser der Steuerzahler aus allen beteiligten Ländern wieder zu ihrem nächsten Gipfel und erzählen wieder das Gleiche.

    Aber es wird nichts umgesetzt.

    Und wir an der Basis schauen zu und wundern uns.

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