Weltwirtschaftskrise
Die Erfahrung aus der Katastrophe

Aus der Geschichte kann man lernen, dass nur direkte staatliche Investitionen aus der Liquiditätsfalle helfen, schreibt der Historiker Werner Abelshauser. Patentrezepte liefert der Blick zurück zwar nicht - aber die Politik hat aus den Erfahrungen von 1929 ihre Lehren gezogen.
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DÜSSELDORF. Ein Zeitzeuge der Weltwirtschaftskrise würde 2009 vergeblich die Krise suchen. Man sieht keine Schlangen verängstigter Sparer vor Banken und kaum Suppenküchen für hungernde Arbeitslose. Vor allem gibt es keine Straßenschlachten zwischen Kampfverbänden von Weltanschauungsparteien. Stattdessen Weihnachtsmärkte und Mehrheiten für das bürgerliche Lager.

Die historische Bezugnahme zu 1929 ist dennoch in den Medien allgegenwärtig. „Das Trauma hält uns wieder fest im Griff“, stellt der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in einem Aufsatz in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ fest. Er stellt im Titel die Leitfrage: „Aus Wirtschaftskrisen lernen – aber wie?“

Die Geschichte liefert keine Patentrezepte. Sie bietet aber Gelegenheit zum „synthetischen Vergleich“, wie es Abelshauser nennt. Dazu müsse man die elementaren Voraussetzungen und Abläufe aus den konkreten historischen Ereignissen filtern, um daraus „synthetische“, allgemein anwendbare Szenarien abzuleiten. Alle historischen Wirtschaftskrisen zeigten beispielsweise, dass es unabhängig von konkreten Anlässen, „allein auf das Verhalten der Investoren ankommt, ob die Liquiditätsfalle zuschnappt“.

Heutige Politiker haben aus der Erfahrung der frühen 30er-Jahre ein Katastrophenbewusstsein, das sie zum Handeln veranlasste, also zur Garantie der Bankeinlagen durch Angela Merkel und Peer Steinbrück am 5. Oktober 2008. „Die Entscheidung zur Intervention in den Finanzmarkt und in den Wirtschaftskreislauf in bisher beispielloser Dimension beruhte allein auf dem antizipierenden Vorstellungsvermögen der politischen Akteure“, schreibt Abelshauser. Die Zeitgenossen in den 30er-Jahren hatten diese Katastrophenerfahrung noch nicht, dass der Zusammenbruch von Banken in eine Depression münden und – im besonders schwer betroffenen Deutschland – die Machtübernahme radikaler Kräfte begünstigen kann. Die Politiker setzten damals daher zunächst auf die Selbstheilungskräfte des Marktes, die Notenbanken kooperierten nicht miteinander, und Regierungen instrumentalisierten die wirtschaftliche Lage für außenpolitische Zwecke im Nachklang des Ersten Weltkriegs.

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