Wende nach Zeugenaussage
Folter-Prozess gegen England geplatzt

Im Prozess um den Folterskandal im US-Gefängnis Abu Ghureib hat es eine überraschende Wende gegeben. Der Militärrichter wies das Schuldeingeständnis der Angeklagten Lynndie England zurück. Grund ist eine Zeugenaussage des mutmaßlichen Folter-Anführers.

HB FORD HOOD. „Das Verfahren wird heute eingestellt und irgendwann in der Zukunft wieder aufgerollt“, sagte Militärrichter Oberst James Pohl. „Zum jetzigen Zeitpunkt kann keine Schuld festgestellt werden."

Durch die Richterentscheidung ist der Handel zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung hinfällig, wonach die 22-Jährige für ein Schuldeingeständnis eine geringere Haftstrafe erhalten hätte. Mit Schuldeingeständnis hätte England ihre drohende Haftstrafe von 16 Jahren auf eine Gefängnisstrafe zwischen zwei und elf Jahren reduzieren können.

Unklar ist, wie die Militärstaatswaltschaft weiter verfährt und ob statt eines neuen Verfahrens mit vorherigen Absprachen ein richtiger Prozess gegen England eröffnet wird. Auslöser war die Aussage des mutmaßlichen Rädelsführer des Gefangenenskandals von Abu Ghoreib, Charles Graner.

Der zu zehn Jahren Haft verurteilte Graner sagte nach Angaben von Reportern am Mittwoch aus, dass die Fotos, auf denen England einen auf dem Boden liegenden nackten Iraker an einer Hundeleine hält, legitim und zu Ausbildungszwecken gemacht worden seien. England sei lediglich Befehlen gefolgt. In diesem Fall müsse sich England „nicht schuldig“ bekennen, sagte der Richter, der schon in den vergangenen Tagen hatte Zweifel durchblicken lassen, ob die Soldatin wirklich Reue zeigt.

Zeuge Graner: England folgte Order

Graner war in Handschellen und Uniform vor Gericht erschienen und hatte Journalisten eine handschriftliche Stellungnahme ausgehändigt. Er wisse, was in Abu Ghoreib vor sich gegangen sei, und sei bestürzt, dass England sich schuldig bekannt habe, hieß es darin. Er hoffe aber, dass sie ihre Strafe damit verringern könne.

Der 36-Jährige ist Vater des Babys, das England im Oktober zur Welt brachte. Er heiratete inzwischen aber die Soldatin Megan Ambuhl, die er in Abu Ghoreib kennen gelernt hatte. Ambuhl war im Zusammenhang mit den Missbrauchsverfahren degradiert und aus der Armee entlassen worden.

Die Verteidigung hatte zuvor versucht, Zweifel an der Schuldfähigkeit Englands zu wecken. England habe während ihrer eigenen Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten und eine Lernschwäche, sagte ein Schulpsychologe, der England vor Jahren in West Virginia untersucht hatte, am Dienstag aus. Sie neige dazu, Anweisungen zu befolgen.

Die Verteidigung versucht nachzuweisen, dass England sich den Vorgaben ihres damaligen Liebhabers nicht widersetzen konnte. Graner selbst hatte auch vorgegeben, auf Anweisung gehandelt zu haben. Ranghöhere Verhörbeamte hätten gefordert, dass die Gefangenen „weich geklopft“ werden. Das Gericht hatte das im Januar verworfen.

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