Wenig Überwachung
China wird zum Reich der Dreckschleudern

Chinas Umweltpolitik gerät nach den jüngsten Chemieunfällen erneut kräftig unter Beschuss. Während sich die Regierung in Peking seit Monaten gerne ganz ökologisch grün gibt und soeben ein Gesetz für erneuerbare Energien nach deutschen Vorbild umsetzt, sieht die Realität im Land nach Ansicht von Experten jedoch anders aus. Vor allem die alten Energieriesen zeigen in der Praxis viel zu wenig Verantwortung, so eine Hauptkritik. Sie seien für Ernstfälle nicht wirklich gerüstet.

HB PEKING. „Petrochina hat offensichtlich seit Jahren überhaupt keinen Notplan entwickelt, um für Vorfälle wie diesen in Harbin vorbereitet zu sein“, so der Pekinger Umweltberater Ma Jun zur Wasserverseuchung im Nordosten des Landes. Es sei unverantwortlich, dass ein Management in einer so „risikoreichen Produktion“ dafür kein Bewusstsein entwickele.

Dies sei in China keineswegs ein Einzelfall. Ma: „In vielen Gegenden Chinas sehen wir diesen Mangel.“ Dabei geht es nicht nur um die Chemiebranche. China baut seit kurzem zum Beispiel auch eigene Atomkraftwerke. Doch Sicherheitsvorkehrungen in den sensiblen Kraftwerken oder Katastrophenpläne für die Evakuierung der meist dicht besiedelten Regionen, in denen Chinas Kernkraftwerke bereits stehen, scheint es nicht zu geben. Zumindest sind sie selbst leitenden Ingenieuren in den chinesischen Atommeilern nicht bekannt.

Noch musste China keinen Störfall in der Atomenergie melden. Anders sieht es beim Kohleabbau aus. In Chinas Bergwerken sterben jedes Jahr mehr als 6 000 Kumpel unter Tage, weil sie in illegalen und völlig unsicheren Gruben im Akkord Kohle aus der Erde holen. China ist der größte Kohleproduzent und Kohleverbraucher der Welt. Noch immer wird rund 65 Prozent der gesamten Energie im Land in Kohlekraftwerken gewonnen – die meist keine Entschwefelungsanlage oder andere Umweltfilter haben, sondern die Luft gesundheitsgefährdend verpesten. So ist die Lungenkrebsrate in Peking besonders hoch.

Der Wirtschaftsboom verdränge oft die Sicherheitsfragen, sagen Experten. In vielen Bereichen hat die Zentralregierung die Bestimmungen zwar bereits erheblich verschärft. So wurden Tausende von illegalen Zechen geschlossen, umweltgefährdende Großprojekte offiziell gestoppt. Ob sie aber wirklich nicht weiter betrieben werden, weiß oft die höchste Führung im Land nicht.

Seit Jahren weisen etwa die Experten der Internationale Arbeitsorganisation (ILO) aus Hongkong darauf hin, dass es weniger an der Gesetzgebung liege, sondern vielmehr an der Ohnmacht, die Umsetzung zu kontrollieren. „Wir haben eine Menge Gesetzte und Vorschriften“, sagt Umweltberater Ma. „Was wir brauchen sind Regeln, diese umzusetzen.“

Energie- und Wirtschaftspolitik wird in Peking noch immer von alten Energiemanagern betrieben, die Jahrzehnte lang auf Kohle gesetzt und sich wenig um den Raubbau an Chinas Natur gekümmert haben.

Auch für Ma ist es wichtig, dass die großen Betriebe, die viel Wasser und Energie benötigen, ihre soziale Verantwortung selbst entdecken müssen. Schon jetzt sind fast alle großen Flüsse in China ernsthaft verschmutzt, sind landwirtschaftliche Produkte stark mit Pestiziden behandelt, trinken fast 200 Millionen Chinesen täglich mit Schwermetallen und anderen Schadstoffen versetztes Wasser. Schon bald drohen Millionen-Metropolen wie Peking auszutrocknen. Wie das Leben ohne Wasser in einer chinesischen Großstadt ist, davon können jetzt die Bewohner in Harbin berichten. and

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