International
"Wer investiert, trägt zum Wohlstand bei"

Interview mit dem indischen Finanzminister P. Chidambaram am Rande des G20-Gipfels.

Was bedeuten aus Ihrer Sicht die Prinzipien für einen stabilen Kapitalmarkt, auf die sich die G 20 verständigt haben?

Die Prinzipien sind wichtig. Wir unterstützen sie. Deshalb bringen wir in die Diskussionen unsere Sicht ein. Zum Beispiel ist für uns die Frage des Kapitalflusses wichtig. Wir wollen Kapital anziehen, aber Kapital, das langfristig engagiert ist, und nicht volatiler Natur. Die Asienkrise von 1997 ist in unserer Erinnerung noch sehr frisch. Als Entwicklungsland freuen wir uns über stärkere Kapitalflüsse in unser Land. Deshalb sprechen wir lieber über die Qualität der Kapitalzuflüsse, anstatt über die Quantität.

Wie unterscheiden sie zwischen guter und schlechter Qualität?

Jeder, der Direktinvestitionen in Indien tätigt, und Arbeitsplätze schafft, trägt zum Wohlstand bei. Sie erhöhen nicht unsere Schulden. Unsere Erfahrung ist aber, dass manche Kapitalinvestition sehr kurzfristig angelegt ist, und das schnelle Hinein- und Hinausgehen schadet mehr als dass es nutzt. Es ist schon wichtig, die Absichten des Investors zu kennen. Wir wollen die Kapitalflüsse stärker bewerten als bisher.

Was wir in Indien beobachten ist, dass inzwischen aber auch indische Unternehmer, zum Beispiel in Deutschland bei Trevira, als Investoren auftreten.

Ich begrüße das. Aber trotzdem sind wir weit davon entfernt, Kapitalexporteur zu sein. Unsere Investitionen im Ausland sind eher klein. Ich denke, wir müssen realistisch sein: Indien wird in den nächsten Jahren weiterhin ein Kapitalimporteur sein, und nur sehr wenig Kapital exportieren.

Sehen Sie den Kapitalexport als eine Chance, stärker global vernetzt zu sein?

Wir sind natürlich Teilnehmer der Globalisierung. Aber es ist unrealistisch, ein großer Kapitalexporteur sein zu wollen.

Was ist das wichtigste Thema des G 20-Treffens?

Es ist eben ein Treffen. Wir haben uns ja alle gerade erst auf der IWF-Tagung Ende Oktober gesehen, und es ist natürlich gut, sich erneut zu beraten. Es geht darum, die Haltung der Kollegen zu verstehen. Das ist eine gute Sache.

Herr Eichel sagte, dass er über Ölpreise und Energieeffizienz reden wollte. Ist das ein Thema für sie?

Der Ölpreise ja, er hat große Auswirkungen auf jedes Entwicklungsland. Ein hohe Ölpreis schwächt das Wachstum und beschleunigt die Inflation, das ist schlecht. Er transferiert Wohlstand von armen Ländern zu den Ölproduzenten. Ich sehe keine Rechtfertigung für einen Ölpreis in der Höhe der letzten Woche. Öl ist genug vorhanden.

Macht es Sinn, dass die G20 ein Statement formulieren?

Ein Statement ist ein Statement. Aber warum sollte das einen Ölproduzenten interessieren? Darüber entscheidet die Opec.

In letzter Zeit ist der Einruck entstanden, dass der Privatisierungsprozess in Indien zum Stillstand kommt.

Dieser Eindruck ist absolut falsch. Diese Regierung hat ihre Arbeit erst vor sechs Monaten begonnen. Die alte Regierung hatte keine Ziele, sondern wollte einfach nur alles privatisieren, damit es in Privateigentum ist. Wir haben eine andere, ganz klare Philosophie.

Welche?

Wenn ein Staatsunternehmen in einem Wettbewerbsumfeld profitabel ist, dann gibt es keinen Grund, es zu verkaufen. Wenn es nicht in der Lage ist, Profite zu erreichen, dann ist es ein Kandidat für die Privatisierung. Dann wollen wir einen strategischen Partner finden, der dies Unternehmen profitabel führen kann. Und wenn es sich um ein Unternehmen handelt, dass hoffnungslos Verluste macht, dann werden wir es entweder schließen oder verkaufen.

Unsere Haltung zur Privatisierung ist eine sehr viel vernünftigere als die unserer Vorgänger. Sie ist glaubwürdiger, und sie wird von der Bevölkerung eher angenommen, weil sie eine nachhaltige Verbesserung für den Arbeitsmarkt bedeutet. Ein Grund, weshalb die frühere Regierung abgewählt wurde, war ja die gedankenlose Privatisierung.

Wenn wir uns die Unternehmen der 2. Kategorie anschauen: Welche kommen dafür in Frage?

Wir können an solchen Unternehmen Beteiligungen von 49 oder von 51 Prozent anbieten. Wir können dem Investor das Management anbieten, alles ist möglich. Aber der strategische Partner muss frisches Geld mitbringen, er muss in der Lage sein, neue Märkte zu erschließen, und er muss bereit sein, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Für welche Branchen soll dies gelten?

Es geht nicht um Branchen, es geht um einzelne Firmen. Unternehmen, die Probleme haben, die Marktanteile verlieren, die nicht wettbewerbsfähig sind: um die geht es. Um Arbeitsplätze zu retten und zu schaffen.

Haben Sie bestimmte Unternehmen im Blick?

Wir haben Unternehmen identifiziert, aber ich werde sie zu diesem Zeitpunkt nicht nennen.

Es gibt ja Interesse für Telekommunikationsunternehmen, Versicherungen, Banken...

Telekom-Unternehmen werden nicht privatisiert. Sie arbeiten gut, sie machen Gewinne, deshalb gibt es keinen Grund, sie zu verkaufen. Aber der indische Telekommunikationssektor ist liberalisiert. Jedes Unternehmen kann in diesem Markt investieren. Der Markt ist offen für alle.

Aber man kann die staatliche Telekom nicht kaufen?

Nein, warum sollte ich sie privatisieren?

Sie könnte noch profitabler werden ...

Das ist eine Unterstellung. Wer betreibt DHL? Die Deutsche Post. Wer betreibt die Deutsche Post? Der Staat. Also warum sollte ich annehmen, das etwas, das der deutsche Staat betreibt, nicht profitabel ist? Wir weisen die Vorstellung zurück, dass ein Unternehmen, das der Staat betreibt, zwangsläufig nicht profitabel sein kann. Unternehmen, die gut dastehen, dürfen im öffentlichen Sektor bleiben.

Wie sieht es aus im Versicherungssektor?

Darüber wird das Parlament entscheiden. Heute darf ein ausländisches Unternehmen 26 Prozent an einer indischen Versicherung halten. Die Regierung will dies auf 49 Prozent erhöhen. Das erfordert eine Gesetzesänderung. Und ich bin überzeugt, dass wir diese Änderung bekommen werden. Wenn nicht heute, dann morgen oder in der nächsten Zukunft.

Ist das Gesetz bereits im Parlament?

Wir diskutieren darüber in der Koalition. Wenn ich eine Einigung morgen erzielen kann, dann wird es morgen verabschiedet. Wenn dies länger dauert, dann müssen Sie ein wenig abwarten.

Haben Sie da nicht ein großes Problem mit den Kommunisten?

Die Kommunisten haben ihre Meinung. Also reden wir mit ihnen, diskutieren das, beraten uns. Ich denke, wir können eine Lösung finden, mit der alle leben können.

Und wie sieht es im Bankensektor aus?

Das indische Recht erlaubt es ausländischen Banken, bis zu 74 Prozent an einer Privatbank zu halten. Aber wir müssen zunächst eine Roadmap schaffen, wie wir dieses Ziel erreichen können. Wir sind im Prozess, diese Roadmap zu schaffen. Sobald wir sie haben, kann der Investor diese Straße benutzen. Die Regierung ist ja erst sechs Monate im Amt.

Investoren fürchten die Bürokratie.

Das meiste ist daran sind Befürchtungen, die in der Realität so gar nicht eintreten. Natürlich gibt es Bürokratie. Wir sind ein Land, dass sich ja gerade erst auf den Weg in Richtung Marktwirtschaft begeben hat. Da funktioniert nicht alles sofort so wie in einem Industrieland.

Die Fragen stellte Donata Riedel

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