Wer könnte den Polit-Patriarchen beerben?
Das Leben nach Joschka hat begonnen

Seit Monaten wird in Berlin über einen Wechsel von Joschka Fischer nach Brüssel spekuliert. SPD und Grüne tuen dies als "reines Medien-Thema" oder als viel zu früh ab.

Natürlich ist das ganze Gerede über den Wechsel von Joschka Fischer nach Brüssel entweder ein „reines Medien- Thema“, wie SPD-Generalsekretär Olaf Scholz findet. Oder es geht auf eine dieser typischen Journalistenfragen zurück, die stets „viel zu früh“ gestellt werden, wie Grünen- Parteichef Reinhard Bütikofer mit dem ihm eigenen Hintersinn bemerkt. Seit Monaten jedenfalls wird in stillen Berliner Zirkeln lustvoll darüber spekuliert, ob, wann und wie der grüne Außenminister ein herausragendes europäisches Amt erhält. Möglich erscheint wegen Fischers hoher Reputation im In- und Ausland nahezu alles, was die erweiterte EU in den nächsten Jahren zu bieten hat: EU-Außenminister soll Fischer werden und selbst der Posten des Rats- oder Kommissionspräsidenten erscheint im Rahmen des Erreichbaren.

Zwar ist wegen der vielen offenen Fragen in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten bis heute nicht einmal klar, ob es überhaupt einen gemeinsamen Außenminister geben wird. Dennoch zählen diskrete Spekulationen über „die Zeit nach Joschka“ in Berlin bereits zu den beliebten Gesprächsthemen grüner Spitzenpolitiker. Offiziell äußert sich dazu aber niemand – zu hoch ist mittlerweile der Respekt vor „dem großen Meister“, wie Fischer oft mit murrender Ironie genannt wird. Schließlich kann „der Joschka“ immer noch fürchterlich ungemütlich werden, wenn einer der rot-grünen Freunde ein vorwitziges Interview auf seine Kosten gibt.

Das gilt natürlich nicht für den Bundeskanzler. Seit Gerhard Schröder vor seinem Abflug nach Asien noch schnell per Interview verlauten ließ, der deutsche Außenminister sei durchaus für das Brüsseler Parkett geeignet, ist die Temperatur in der Berliner Gerüchteküche sprunghaft gestiegen. Die wichtigste Frage betrifft Amt und Person gleichermaßen: Würde es im Fall der Fälle überhaupt einen neuen grünen Außenminister in der jetzigen Bundesregierung geben? Oder fiele das Auswärtige Amt mangels geeigneter grüner Kandidaten den Sozialdemokraten zu – mit entsprechendem Ressortausgleich innerhalb der rot-grünen Koalition selbstverständlich?

Ein Blick auf die potenziellen Fischer-Erben im Kreis der Grünen zeigt, dass viel für die Theorie spricht, Schröder werde nach einem Weggang Fischers seine alte Idee durchsetzen und die Europapolitik mit einem Staatsminister im Kanzleramt ansiedeln und vom Auswärtigen Amt trennen.

Neben Renate Künast und Jürgen Trittin gelten im grünen Spitzentableau noch Staatsministerin Kerstin Müller, die Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring Eckardt und Krista Sager sowie Ex-Parteichef Fritz Kuhn als ministrabel – selbst wenn die letzten drei Genannten nicht über internationale Erfahrung verfügen.

Ob sie alle jedoch in der Lage wären, in Fischers große Schuhe als Außenminister und Vizekanzler zu schlüpfen, wird nicht nur in Kreisen der SPD-Spitzen bezweifelt. Auch innerhalb der Grünen trifft man auf höchst unterschiedliche Einschätzungen, wenn es um die gegenseitige Bewertung persönlicher wie politischer Fähigkeiten geht.

Ebenso bedeutsam ist für die grüne Partei die Frage, wer Fischer im Fall der Fälle in der Rolle des Patriarchen und Wahlkampf-Magneten ersetzen könnte. Obwohl Fischer ein Parteiamt stets sorgfältig vermied, werden die Grünen zu wesentlichen Teilen immer noch über seine Person wahrgenommen. Die letzten Wahlkämpfe waren ganz auf den joggenden Polit-Popstar zugeschnitten. Ohne „Joschka“ – darüber herrscht Einigkeit – wäre das Ergebnis mindestens ein bis zwei Prozentpunkte schlechter ausgefallen. Hier Ersatz zu finden, erscheint nahezu ausgeschlossen – ein brisantes Problem, sollte Fischers Wechsel 2005 kurz vor der nächsten Bundestagswahl anstehen oder sogar mitten in das Wahljahr 2006 fallen.

Parteichef Bütikofer gilt – im Gegensatz zu seiner inzwischen völlig abgetauchten Amtskollegin Angelika Beer – zwar nicht mehr als Übergangslösung, er ist aber weit vom Fischer-Image entfernt. Trittin ist zwar der mit Abstand einflussreichste Grüne nach Fischer, er kann wegen der Trennung von Amt und Mandat aber nur eine inoffizielle Rolle in der Partei spielen, ebenso wie Künast, die sich neben Fischer über die höchsten Sympathiewerte freut. Wegen der starken Stellung von Künast und Trittin ist wohl auch die Hoffnung jüngerer Grüner in der Fraktion verfrüht, ein Abschied vom Patriarchen beende gleichzeitig die Dominanz der 68er-Generation und die damit verbundene Blockade gegen schwarz- grüne Optionen. „In der Theorie“ jedenfalls, so spottet eine erfahrene Grünen-Politikerin, „hat das Leben nach Joschka schon begonnen.“

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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