Westen attackiert Gaddafi: Rätselraten um die richtige Libyen-Strategie

Westen attackiert Gaddafi
Rätselraten um die richtige Libyen-Strategie

Der Westen bombardiert Gaddafis Truppen. Doch die Nato ist zerstritten und der Diktator gibt nicht auf. Steht Libyen vor einem langen Bürgerkrieg? Schickt der Westen Bodentruppen? Drei Szenarien im Überblick.
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Brüssel/TripolisDie USA und Großbritannien feuern ihre Marschflugkörper auf Gaddafis Truppen ab. Frankreich bombardiert die Panzer des libyschen Diktators mit seinen Rafale- und Mirage-Kampfflugzeugen. Auch Belgien und Dänemark bieten ihre Jagdflieger an, um den Vormarsch der Gaddafi-loyalen Einheiten auf die Rebellenhochburg Bengasi zu stoppen. Doch die Nato, das westliche Verteidigungsbündnis, ist auch zwei Tage nach Beginn der Militäraktion gegen Libyen tief gespalten.

Unklar ist, welche Strategie die westlichen Staaten verfolgen. Reicht es tatsächlich aus, Luftangriffe gegen Gaddafis Einheiten zu fliegen, um die die Aufständischen zu schützen? Oder ist das eigentliche Ziel der Operation der Sturz Gaddafis, auch wenn das Uno-Mandat dies nicht vorsieht? Der Beschuss der Residenz von Gaddafi in Tripolis nährt diese Vermutung. Dann aber dürfte der Einsatz von Bodentruppen alternativlos sein, obwohl der Westen dem Gaddafi-Regime im Luftkrieg haushoch überlegen ist.

Auf diplomatischem Parkett deutet sich für die Allianz ein weiterer Erfolg an: Mit Katar hat sich offenbar das erste arabische Land entschieden, am Kampf gegen Libyens Diktator teilzunehmen. Das Emirat am Golf will eigene Flugzeuge einsetzen.

In Brüssel ringen derweil die Botschafter der 28 Nato-Staaten um eine Einigung.  Ziel ist es, ein Mandat für die Überwachung der vom Uno-Sicherheitsrat genehmigten Flugverbotszone gegen Libyen zu erreichen. Doch die Militärallianz ist zerstritten wie selten. Vor allem die Türkei blockiert. Auch Nato-Mitglied Bulgarien hat den Militäreinsatz der internationalen Streitmacht scharf kritisiert.

Wie geht es weiter in Libyen? Drei Szenarien im Überblick.

Szenario 1: Die Soldaten des Diktators legen die Waffen nieder

Die Feuerkraft des westlichen Militärbündnisses stoppt die regimetreuen Anhänger von Muammar el Gaddafi nicht nur auf ihrem Eroberungszug gegen die Rebellen. Die Intervention der westlichen Mächte löst auch ihren Zerfall aus. Das ist der ideale Verlauf der Militäroperation. Die Soldaten des Revolutionsführers legen ihre Waffen in ähnlicher Weise nieder, wie dies im März 2003 die Armee Saddam Husseins im Irak getan hatte. Als vor acht Jahren die "Koalition der Willigen", angeführt von den USA, an Euphrat und Tigris zunächst auf- und dann einmarschierte, zogen die irakischen Soldaten ihre Uniformen aus und gingen nach Hause - weil sie nicht mehr an das politische Überleben des Diktators glaubten.

In Libyen müssen dafür nicht einmal Bodentruppen eingesetzt werden, sondern es reicht die Stärke der Waffen aus der Luft und zur See. Gaddafis Stern sinkt rasant schnell, die Rebellen ziehen in Tripolis ein und übernehmen die Macht. Die Opposition, die bisher nur vereint war durch das Ziel, den libyschen Diktator zu stürzen, zerstreitet sich nicht, sondern rauft sich zu einem gemeinsamen Neubeginn zusammen. Nach Jahrzehnten einer harschen Diktatur orientiert sich Libyen an den Vorbildern der Nachbarn Ägypten und Tunesien und nimmt Kurs auf eine Demokratie.

Dabei bekommen die neuen, politisch noch weitgehend unerfahrenen Gaddafi-Gegner in Tripolis massive Unterstützung: nicht vom Westen, sondern von ihren arabischen Freunden. Die Arabische Liga erweist sich endlich einmal nicht nur als Debattierclub, sondern als handlungsfähige Gruppe. Libyen gibt sich eine Gesellschaftsordnung, in der radikale Islamisten wie El Kaida keinen Platz haben. Eine gerechte Formel zur Verteilung der Öleinnahmen unter den verschiedenen Stämmen verhindert einen Machtkampf. Und das Öl fließt wieder ungehindert auf die Weltmärkte.

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Libyen könnte im Bürgerkrieg versinken

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  • Ein Gedankenspiel:

    Demokratische Staaten (z. b. Luxemburg) exportieren „Demokratie“ auch mit Waffengewalt.

    Totalitäre Staaten (z. b. China) exportieren den „Totalitarismus“ auch mit Waffengewalt.

    Diktaturen (z. b. Simbabwe) exportieren das „Diktatorische System“ auch mit Waffengewalt.

    Theokratische Staaten exportieren „Glaubensinhalte“ auch mit Waffengewalt.


    Wenn eine Allianz der Diktaturen (z. b. Libyen, Simbabwe etc.) mit Waffengewalt /Antrag 1977 vom Sicherheitsrat der UNO/ ihr System nach Luxemburg exportieren rufen wir dann auch HURRA?

    Oder bildet sich eine Achse des Widerstandes?

    Vielleicht exportieren diese Länder keine Modelle?

    Könnte es sich auch nur um (z. b. Wirtschaftliche) Interessen handeln?


  • Eigentlich kann ich mich für kein Szenario so richtig begeistern, denn es stört die negativ belegte Titulierung: Aufständische oder Rebellen. Es handelt sich um FREIHEITSKÄMPFER!!!
    Wer richtig beobachtet, dem fällt auch auf, daß viele Libyer nach Ägypten, Tunesien oder Europa flüchten und westlich orientiert sind. Sie wollen nach westlichem Muster die Freiheit und für ihr Glück selbst zuständig sein. Dabei wissen sie auch, daß wir auch nur Anfänger sind und wesentlich für stärkere Positionen Partei ergreifen; auch wenn es danach Enttäuschungen gibt.
    Deshalb rechne ich damit, daß auch in Tripolis die Mehrheit gegen den Irren vorgeht, sobald eine Chance für dessen Niederwerfung besteht.
    Aus diesem Grunde müssen Gaddafis schwere Waffen ausgeschaltet werden. Die Konten müssen nun auch endlich dicht sein, damit keine Söldner angeworben werden können. Und wenn das nicht geht, was mich wirklich wundern würde, dann muß der Westen eben Söldner heranziehen und Gaddafi den Nachschub abwürgen.
    Den Einsatz eigener Bodentruppen sollten sich die Alliierten aus dem Kopf schlagen, wenn es je im Kopf war.
    Ein demokratisches Nordafrika, was man nicht mit dem übrigen Afrika vergleichen sollte, sehe ich als hilfreich für die angeschlagenen PIGS-Staaten. Mehr Hilfe sehe ich im Moment nicht.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Libyen

  • Denken Sie nicht, dass sie arg übertreiben und die Situation theatralisch darstellen? Ich denke schon. Natürlich kann man darauf pochen, dass der "Westen" als Einheit agiert, sowieso nur ein gewisses niederträchtiges Ziel verfolgt und keinen Funken Anstand inne hat.
    Oder: man sieht die ganze Sache einfach mal nüchtern und wie ein erwachsener Mensch. Danke.

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