Wettbewerbsfähigkeit
Frankreichs Abstieg als Industrienation

Den Kampf um die Rentenreform wird die Regierung wohl gewinnen. Doch das reicht längst nicht aus, um das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen. Welche Probleme Frankreichs Wirtschaft plagen, und was passieren muss, damit das Land weltweit mithalten kann.
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PARIS. Wenn Frankreichs Regierung das Sozialsystem reformiert, sind Streikquoten und Demonstrantenzahlen die entscheidenden Kennziffern.

Als die Berater von Nicolas Sarkozy gestern Nachmittag die ersten Streik-Bilanzen zum Protest gegen die Rentenreform reinreichten, dürfte der Präsident erleichtert geseufzt haben. Denn sowohl die Zahl der Demonstranten als auch die Streikquote im öffentlichen Dienst ist rückläufig. „Die Franzosen nehmen die Reform jetzt möglicherweise besser an“, ließ der Elysée-Palast verlauten.

Ohne Rentenreform droht der Crash

Die Rentenreform scheint damit die entscheidende Hürde genommen haben: die Straße.

Allein durch die geplante Heraufsetzung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahre will die Regierung pro Jahr fast 20 Mrd. Euro einsparen. Ohne Reform droht dem Sozialsystem des Landes der Crash, doch sie allein reicht bei Weitem nicht aus, Frankreichs Strukturschwächen zu beheben. Nach Ansicht führender Ökonomen und Industrieller ist bisher viel zu wenig passiert, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Das Ausmaß des Problems lässt sich regelmäßig an Frankreichs Ausfuhrbilanz ablesen. „Der Rückgang des Anteils der Exporte Frankreichs an den Gesamtausfuhren der Euro-Zone ist besorgniserregend“, heißt es in einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts COE-Rexecode. Demnach sank diese Quote von 13,4 Prozent im ersten Halbjahr 2009 auf 12,8 Prozent im Juli 2010. Global ist Frankreichs Marktanteil auf vier Prozent gefallen, „einen neuen Tiefpunkt“, warnt Rexecode.

Die ersten Stimmen werden laut, dass sich Frankreich aus dem Kreis der führenden Wirtschaftsnationen zu verabschieden droht: „Betrachtet man das Gewicht der Industrie, so sehen wir in Frankreich keine Industrienation mehr“, meint Patrick Artus, Chefökonom der Investmentbank Natixis. Er bezieht sich auf den Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe, der mittlerweile niedriger sei als in Ländern wie Portugal oder Italien.

Harte Worte für jemanden wie Staatschef Sarkozy, der sich gerne als oberster Verteidiger französischer Industrie-Interessen sieht. Doch Wirtschaftsbosse wie PSA-Chef Philippe Varin und Michelin-Chef Michel Rollier vermissen Taten. Und verweisen auf das Vorbild Deutschland.

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