What's right
Retro-Treffen einer gelangweilten Generation

Mit dem G7-Gipfel beginnen auch die Gegen-Demos. Doch selten waren die Proteste so ritualisiert, langweilig und einseitig wie heute. Warum nur sind aus Che Guevaras Chlorhühnchen-Spießer, fragt sich unser Kolumnist.
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Vor 100 Jahren – als es noch echte Betroffenheit gab – da kämpften Demonstranten für ihr täglich Brot und gegen lebensgefährliche Gruben, für die Chance auf warmes Essen und gegen das Sterben ihrer Kinder in kalten Arbeiterhütten. Vor 50 Jahren – als die Betroffenheit nur in der Ferne lag – da demonstrierten sie gegen Kriege in Vietnam und gegen den Schah, vor allem gegen die USA und den Kapitalismus.

Heute ist selbst die Ferne entschwunden, die Betroffenheit von Demonstrationen eine schiere Konstruktion von Klimaprognosen und fiktiven Freihandelsfolgen. In der Wohlstandsgesellschaft degeneriert der Protest zum Spiel aus Kopfgeburten.

Die Anti-G7-Demonstrationen wirken jedenfalls wie Retro-Treffen einer gelangweilten Generation. Sie demonstrieren in ritualisierten Gesten wie bei einer Motto-Party oder einem Maskenball. Man verkleidet sich als Protestler und hat mit anderen Protestlern eine lässige Zeit. Manchmal treffen sich auch bloß die Schlägertrupps der Linkspartei, auch schwarzer Block der Autonomen genannt. Sie alle brauchen nicht einmal mehr die Kollektivsuggestion, dass sie die Welt irgendwie verbessern. Es geht ihnen um das Pflegen von Feindbildern (vor allem die USA) und den Protest als Selbstzweck.

In Wahrheit dürften die klügeren G7-Demonstranten wissen, dass es ernste, grausame, unerträgliche Misslagen auf der Welt gibt, gegen die Demonstrationen wirklich wichtig wären. Doch gegen den tausendfachen Mord des modernen Islamismus gibt es keinen Protestzug. Auch gegen die unerträgliche Frauen-Apartheid der muslimischen Welt hebt sich keine Wut. Dass ganze Völker Afrikas und Asiens in blutige Religionskriege gezwungen werden, dass Millionen von Christen drangsaliert, gefoltert, umgebracht werden – kein noch so winziges Zeltlager wird dagegen aufgebaut.

Dass in China die Menschenrechte den Status einer lächerlichen Idee haben und in Arbeitslagern Zigtausende gequält werden, nur weil sie ihre Meinung einmal äußerten – auch kein Thema für Transparente. Dass ein neo-imperiales Russland mal eben Nachbarn überfällt und mitten in Europa einen territorialen Krieg vom Zaun bricht, Ukrainer Tag für Tag bitterlich leiden und sterben – was kümmert es den heutigen G7-Demonstranten? Gar nicht!

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Ein einzelnes Land versündenbocken

Kommentare zu " What's right: Retro-Treffen einer gelangweilten Generation"

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  • Ein vorhandenes "burn-out" Syndrom bei den Organisatoren und in der Politik deutet sich zunehmend an. Wie "krank" sind unter solchen Umständen die Ergebnisse?

    Verstehe - Wellness in Elma. Ok. Gute Besserung.

  • Warum veranstaltet man einen solchen Gipfel nicht einfach in der Vollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim? Ein Sicherheitsproblem sollte dem nicht im Wege stehen, oder? Logie und Verpflegung sind angeblich auch Menschen würdig. Problematisch evtl. wäre der gemeinsame Hofgang mit den »Knackis«. Aber der Kostenfaktor ist doch sicher nicht zu vernachlässigen und das Demonstranten-Gesindel ist hier auch leichter in Schach zu halten. ;–))

  • Die im Artikel geäußerte Kritik ist nicht unberechtigt. Es wird viel zu wenig gegen den Islam und seine brutalen Wucherungen protestiert.
    Aber unsere Demokratie degeneriert mehr und mehr zur Lobbyveranstaltung mit dem demokratischen Feigenblatt der Wahlen. TTIP ist vor allem eine Lobby--Veranstaltung unter dem Deckmantel des Freihandels. Die Princeton-Universität hat den USA in einer sehr interessanten Studie schon erhebliche Demokratie-Defizite nachgewiesen und in Deutschland ist es auch nicht viel besser. ESM läßt grüßen
    Befeuert wird das alles durch unser Verhältniswahlrecht. Man kann keinen Abgeordneten per Wahl feuern, weil man sich von ihm nicht vertreten fühlt, er ist über die Landesliste abgesichert.

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