What's right – Türkei und die Flüchtlingskrise Erdogan droht mit der Migrationswaffe

Angela Merkel hofft darauf, dass sich Ankara als Grenzpolizist Europas einkaufen lässt. Doch Erdogan hat die Massenflucht von Anfang an befeuert. Einem Verbündeten fällt Europa zudem in den Rücken. Eine Analyse.
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Finden die beiden politisch noch zueinander? Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Treffen im vergangenen Oktober. Quelle: dpa
Merkel und Erdogan

Finden die beiden politisch noch zueinander? Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Treffen im vergangenen Oktober.

(Foto: dpa)

MünchenDas Schicksal Europas liegt in diesen Tagen in den Händen Recep Erdogans. Da Europa unfähig ist, seine eigenen Grenzen zu sichern, liegt der Schlüssel zur Migrationskrise in Ankara. Es wird also Zeit, sich klar zu werden über Erdogan.

Der türkische Staatspräsident hat die Türkei in ein Neo-Sultanat verwandelt, er führt Krieg gegen Syrien und einen zweiten, immer monströseren gegen die Kurden. Er tritt Menschenrechte mit Füßen und geht mit wachsender Brutalität gegen Kritiker und Widersacher vor. Er hat sich mit all seinen Nachbarn überworfen, und mit den beiden wichtigsten – Iran und Russland – bewegt er sich am Rande weiterer Kriege.

Ausgerechnet diesem Mann vertraut Bundeskanzlerin Angela Merkel nun die Lösung der Migrationskrise an. Sie reist, hofiert, verhandelt und bietet Milliarden dafür, dass die Türkei das tut, wofür sich Deutschland und Europa zu schade sind – die eigenen Grenzen zu sichern.

Dieser Vorgang ist moralisch fragwürdig, denn man macht einen Schurken zum eigenen Grenzpolizisten und verrät die Menschenrechts-Agenda in der Türkei. Er ist aber auch machtpolitisch unklug, weil man den wichtigsten Verbündeten, den Kurden, in den Rücken fällt und sich obendrein erpressbar macht. Europa hätte eine sichere Grenze von Erdogans Gnaden. Er wäre der Türsteher Merkels.

Dabei hat Erdogan in dieser Woche klargemacht, dass er seine Macht als Migrationslenker zynisch genießt. Er behandelt Angela Merkel wie eine naive Bittstellerin und droht schon mal mit neuen Flüchtlingsmassen: „Egal wie grob, wie gnadenlos, wie gewissenlos die westlichen Länder sich verhalten, sie haben keine Chance, diesen Strom unter Kontrolle zu halten“, schwadronierte Erdogan, und um jede Hoffnung Merkels zu zerstören kündigt er an: „Denjenigen, die weiterziehen wollen, um in westlichen Ländern eine Zukunft zu suchen, denen werden wir nichts sagen.“

Damit signalisiert der türkische Präsident, dass er die Massenflucht als eine politische Waffe versteht, um Europa unter Druck zu setzen. In Diplomatenkreisen kursiert seit Monaten die Vokabel „Migrationswaffe“, weil der türkische Geheimdienst die Wanderungsbewegung von Muslimen massiv und gezielt befördert habe. Tatsächlich liegt sie im genuinen Interesse Ankaras, und Erdogan verfolgt damit fünf Kalküle:

Erstens nimmt er Druck vom eigenen Land, indem Flüchtlinge, Arme, Wirtschaftsmigranten sowie gewöhnliche Kriminelle aus umliegenden Ländern die Türkei wieder verlassen. Zweitens verdient die Türkei inzwischen gewaltige Beträge an allerlei Migrations-Dienstleistungen. Die Flüchtlingsindustrie blüht auch jenseits von dubiosen Schleusern.

Erdogan erwartet Abkehr von kurdischen Verbündeten

„Brauchen einen klareren Schutz der Außengrenzen“

Drittens setzt die Völkerwanderung Europa politisch unter Druck. Brüssel wird dadurch gefügig – von Visa-Angelegenheiten, Handelserleichterungen bis zur EU-Beitritts- und Kurdenfrage. Viertens kann man Europa mit diesem Druck unmittelbar Geld abpressen. Die drei Milliarden Euro, die bislang im Raum stehen, dürften erst der Anfang sein.

Und fünftens betreibt Erdogan mit seiner Migrationsförderung auch ein historisch-strategisches Ziel, das er seit Jahren beschwört: die schleichende Islamisierung Europas. Mit seiner Religionsbehörde Diyanet soll Europa (und insbesondere Deutschland) planvoll islamisiert werden. Die Flüchtlinge spielen dabei eine Schlüsselrolle, etwa mit systematischen Moscheen-Bauten, um den Gläubigen in der Fremde „eine Heimat zu schenken“.

Erdogans Lieblingszitat dazu stammt aus einem Gedicht von Ziya Gökalp: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette.“ Erdogan versteht sich innen- wie außenpolitisch als religiöser Kulturkämpfer, als Schutzpatron der islamistischen Expansion.

In der Kurden-Frage zieht Erdogan die Migrationswaffe mittlerweile unverstellt. Er erwarte vom Westen eine Abkehr von den kurdischen Verbündeten. Allen Forderungen Europas nach einem Ende der türkischen Angriffe auf die kurdischen YPG-Milizen in Syrien erteilt er eine harsche Absage. „Wir denken nicht daran“, sagte Erdogan.

Angriffe auf die Türkei würden in vielfacher Stärke vergolten. „Wir werden niemals erlauben, dass an unserer Südgrenze ein neues Kandil entsteht.“ Im nordirakischen Kandil hat die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die in der Türkei kämpft, ihr Hauptquartier.

Das osmanische Reich erscheint auf historischem Angriffsmodus

Europa und die USA müssten sich entscheiden, ob die Türkei oder die YPG ihr Verbündeter sei. Wer die Geduld der Türkei auf die Probe stellen wolle, sollte wissen, „dass man am Ende dieser Grenzen angekommen ist“. Erdogans Ministerpräsident Ahmet Davutoglu droht flankierend vor einer „neuen Welle Hunderttausender Flüchtlinge“ aus Syrien aufgrund des Vormarsches kurdischer Kämpfer.

Damit steht Deutschland in einer fatalen Lage, dass man auf der einen Seite die Kurden als wichtigste Verbündeten des Westens im Kampf gegen den IS-Terrorstaat mit Waffen versorgt und die Bundeswehr vor Ort Kurdenmilizen ausbildet. Zugleich werden just diese Verbündeten von Erdogans Truppen massiv bombardiert. Mittelbar führt die Türkei damit Krieg gegen die Bundeswehr.

Berlin, London, Paris und Washington fordern immer verzweifelter, dass Ankara seine Angriffe auf die Kurden unterlässt. Doch Erdogan macht das Gegenteil und treibt seinen Krieg gegen die Kurden und die Teileroberung Syriens voran.

Er spielt ein eisern-blutiges Spiel imperialer Macht, als sei das osmanische Reich wieder auf historischem Angriffsmodus. Man sollte ihm bei alledem nicht auch noch helfen. Er ist kein integrer Partner für die Grenzsicherung. Das muss Europa schon selber machen.

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51 Kommentare zu "What's right – Türkei und die Flüchtlingskrise: Erdogan droht mit der Migrationswaffe"

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  • Sehr geehrter Herr Türk,
    vielen Dank für ihren Beitrag, dessen Meinung ich nicht teile, aber ich finde, daß Sie einige nachdenkenswerte Dinge gesagt haben, auf die ich gern antworten möchte.
    1. Krieg gegen die Kurden
    Dass Frau Erdogan eine Kurdin ist schließt nicht aus, daß Herr Erdogan Krieg gegen die Kurden führt.
    Dass in der PKK Deutsche Staatsbürger mitkämpfen ist bedauerlich. Leider sind ja auch unter den IS Kämpfern und sicherlich vielen anderen militanten Gruppen Deutsche zu finden. Was ich sehr bedenklich finde ist, daß in Deutschland, zuvorderst leider auch in NRW, nicht konsequent gegen ausländische Gesetzesbrecher vorgegangen wird. Dies kann man ja sehr schön an den Kölner Ereignissen ablesen, wo die Polizei ja mehr oder weniger erklärt hat, daß man eh vieles schon wußte, aber halt nichts getan hat.
    2. 3 Millionen Flüchtlinge gegen 3 Milliarden Euro
    Die Idee hat was! Ich würde allerdings ihrer Intention folgend die Türkei zum sicheren Drittstaat erklären und gar keinen Flüchtling von da nehmen. Allerdings meine ich schon, daß wir aus humanitären Gründen die Türkei mit Geld unterstützen sollten, auch mit einigen Milliarden. Dort sind die Flüchtlinge wenigstens in einem islamischen Land und haben es auch nicht so weit, wenn sie nach Hause zurück wollen.
    3. Die Flüchtlinge wurden von Frau Merkel eingeladen und wollen jetzt nach Deutschland.
    Touche. So sehe ich das auch. Frau Merkel müßte offiziell widerrufen.
    4. Deutschland rückt nach rechts.
    Meiner Meinung nach erkennen immer mehr Deutsche, wie sie verarscht werden. Bislang stach Gesinnungsethik gegen Verantwortungsethik. Jetzt erkennen auch einige in der Deutschen Regierung, daß auch das Deutsche Volk Rechte hat und gehört werden sollte.

  • Bis letztes Jahr gab es einen Dialog zwische Türken und Kurden, den Erdogan abruppt abgebrochen hat, damit er die Mehrheit im Parlament zurück bekommt. Alles aus rein innenpolitischem Kalkül. Vorher waren das keine Terroristen? Die Türkei ist selber Mitverursacher der Flüchtlingskrise. Wenn es im Interesse der Türkei wäre, würde der Flüchtlingsstrom schnell unterbunden. Die Flüchtlinge aus Aleppo hat Erdogan auch nicht über die Grenze gelassen. Erdogan versucht in der Region massiv seine Interessen durchzusetzen. Dabei ist ihm, genauso wie den anderen Akteuren, jedes Mittel recht. Unsere Kanzlerin hat durch ihr unbedachtes Gerede den Flüchtlingsstrom noch beflügelt. Alle in Europa sehen das inzwischen so, nur sie nicht. Diese Rechtsradikalen-Keule zieht langsam nicht mehr. Deutschland hat seine eigenen Interessen zu vertreten und dazu gehört es nicht türkische Islamverbände, die von Erdogan kontrolliert werden, zu unterstützten. Erdogan ist kein Freund Deutschlands. Wer ihn unterstützt auch nicht, egal ob Deutscher, in Deutschland geborener Türke oder eingewanderter Türke. Übrigens ist es eine Unverschämtheit (fast) allen Deutschen zu unterstellen, sie wären potentielle Mörder. Im übrigen ist Deutschland ein freies Land, jeder kann jederzeit ausreisen. Neuerdings dank Merkel sogar einreisen.

  • @ Herr Ahmet Türk

    << Erdogan führt keinen Krieg gegen die Kurden! Seine Frau ist sogar eine Kurdin! >>

    (...)

    Natuerlich fuhrt Erdogan einen ERBITTERTEN KRIEG gegen die Kurden.

    Die Kurden in der Tuerkei wollen naemlich ihre Autonomie ( oder sollen sie diese nicht wollen, weil die Frau von Erdogan eine Kurdin ist....:-) und das wuerde bedeuten, dass ein Drittel des Landes der Tuerkei WEG waere sowie die Tuerkei um 20 Mio. Kurden auch schrumpfen wuerde !

    Herr Weimar hat absolut Recht mit seiner Analyse ! (..)

    << Kein Mensch, auch kein Flüchtling kann zu etwas gezwungen werden. >>

    Zwingen kann mit Gewalt, aber auch durch Werbung, Propaganda und Ueberzeugung ! Die Ahnungslosen Fluchtlinge werden insbesondere durch die Deutsch-Tuerken kraeftig animiert, Richtung Deutschland zu ziehen ! Und diese Deutsch-Turken machen auch als Schlepper den Reibach ihres Lebens !

    << Und der größte Mist was Sie in Ihrem Artikel geschrieben haben ist, dass die Türkei gegen die Bundeswehr krieg führt! >>

    Diese Ableitung ist ABSOLUT KORREKT ! Die Bundeswehr ist vor Ort und bildet die Kurden an Deutschen Waffen aus ( Einsatz von MILANs ). Der Sultan bekriegt die Kurden : also bekriegt er auch die Bundeswehr !

    << Liebe Mitbürger, es ist traurig zu lesen wie stark nach rechts Deutschland gerückt ist. >>

    Wenn Menschen der Realitaet ins Gesicht sehen und sich auf diese Realitaet einstellen, hat DIES mit KEINEM RUCK zu tun, sondern mit Handeln nach GESUNDEM MENSCHENVERSTAND !

    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.



  • Ich gebe Ihnen ein Beispiel von Wellen an einem natürlichen Beispiel: Denken Sie an die Tsunami-Welle in Thailand, der Rücksog ist immer stärker als der Fluß vom Meer aufs Land! Denken sie darüber nach und denken Sie an die Menschen, die diese Wellen produzieren! Ehrlich gesagt bin ich persönlich nicht gegen den islamischen Glauben, eher gegen dass wie der islamische Glaube für politische Spielchen missbraucht wird und da muss ich ziemlich derbe Kritik an den Muslimen üben, anscheinend lässt sich nämlich diese Religion sehr schnell für politische Interessen einspannen.

  • Herr Ahmet Türk@
    Ich war, bin und werde nicht Ihr Mitbürger, wenden Sie sich an Ihre Landleute.

  • Die Türken fühlen sich, trotz wirtschaftlicher Fortschritte, noch immer dem Westen gegenüber unterlegen. Jetzt besteht die Möglichkeit:
    1.) Sich der Kurden zu entledigen (gern kriegerisch)
    2.) Die EU mit Muslimen zu fluten um sich an deren wirtschaftlichen Untergang zu laben und selbst im Vergleich besser da zu stehen.
    3.) Zusätzlich wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen durch die Mittel der EU bei gleichzeitig bitterarmer Unterbringung der Flüchtlinge (so weit zur Solidarität unter Glaubensbrüdern)
    4.) In den Kriegswirren gute Geschäfte mit den Kriegsparteien zu machen.

  • Liebe Leser. Die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen. Beste Grüße aus der Redaktion

  • Laut Integrationsministerium haben wir hier 600 000 Türken welche dauerhaft von Sozialhilfe leben, echte Leistungsträger eben, das ein paar fleissige dabei sein können, dass kann sein, aber die Mehrzahl lebt ebenfalls auf unsere Kosten, das bereits in der 3ten Generation. Versuchen sie das mal in der Türkei

  • Ich frage mich nun nicht mehr, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern ob Deutschland schon zum Islam gehört. Die westlichen Werte, lügen, betrügen, Mörder hofieren, alle gegeneinander ausspielen und ohne Rücksicht auf die Bevölkerungen diktatorische Entscheidungen treffen, werden beim dem aktuellen EU-Gipfel wieder mehr als deutlich. Hoffentlich ist diese unsägliche EU bald am Ende,

  • Eine Fahrkarte zahle ich freiwillig.

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