White House Press Corps
Bushs handzahmer Journalistenclub kommt

Der East Room im Weißen Haus zu Washington, D.C., hat schon viel erlebt. 1861 kampieren auf seinen dicken Teppichen Truppen der Nordstaaten auf dem Weg in den Bürgerkrieg. Präsident Theodore Roosevelt lässt Anfang des 20. Jahrhunderts im größten Saal der Präsidentenresidenz Ringkämpfe austragen. Sieben US-Präsidenten werden hier nach ihrem Tod aufgebahrt: als erster Abraham Lincoln 1865 und zuletzt John F. Kennedy 1963. Beide fielen Attentaten zum Opfer.

DÜSSELDORF. Am 6. März 2003 erlebt der East Room ein ganz besonderes Spektakel. Präsident George W. Bush hält auf dem 1902 verlegten Eichenparkett eine seiner seltenen Pressekonferenzen ab - live zur besten Sendezeit um 20 Uhr. Der Anlass ist ein historischer: Bush will die Nation einstimmen auf einen Krieg gegen Iraks Diktator Saddam Hussein. Im Uno-Sicherheitsrat tobt eine Entscheidungsschlacht; die Welt bangt. 14 Tage später werden die ersten Bomben auf Bagdad fallen.

Aber statt „Showdown“ zwischen Presse und Präsident ist „Showtime“: Den Journalisten hat Bush ein Drehbuch schreiben lassen, und die halten sich penibel daran. In Zweierreihen werden die Stars des US-Journalismus in den Saal geführt - wie eine Grundschulklasse auf Wandertag. Alles ist abgekartet: Bittet der Präsident um eine Frage, schießt die Meute aus den Sitzen und rudert aufgeregt mit den Händen durch die Luft, obwohl die Reihenfolge der Frager samt Fragen vom Weißen Haus vorgegeben ist. Ehrensache, dass Bush die Kollegen - nach einem kurzen Kontrollblick auf die Fragerliste - beim Vornamen aufruft: „Steve“, „Bob“, „Jean“. Als Bush „John“ (King) vom Nachrichtensender CNN drannimmt, entfährt es ihm: „Das ist ja so vorgeschrieben ...“ Die handzahmen Herren und Damen mit den Nebenrollen im absurden Theaterstück sind Mitglieder des prestigeträchtigsten Journalistenclubs der Welt, des White House Press Corps. Wohin der Präsident auch reist, wo er auch spricht: Sie sind dabei. Seit Sonntag folgt der Verein Bush auf seiner Europareise. Am Mittwoch rückt das Corps in Mainz ein, wenn Kanzler Gerhard Schröder George W. Bush dort begrüßt.

„Neid schlug dem Corps schon immer entgegen“, erzählt einer, der seit Jahren dabei ist. Wer es bis ins Weiße Haus geschafft hat, der gehört zur Elite des US-Journalismus: Er arbeitet im selben Haus wie der Präsident. Er kassiert Hunderttausende Dollar an Jahresgehalt. Ist er beim Fernsehen, flimmert sein Gesicht ständig über den Schirm, und er kann später auf eine eigene TV-Show hoffen. Ist er bei der Presse, werden seine Storys samt Namenszeile täglich hunderttausendfach verbreitet. Aber der Schein trügt auch. Howard Kurtz, Medienkritiker der Washington Post, nennt das White House Press Corps einen „goldenen Käfig“. Schon lange muss das Corps mit dem Vorwurf leben, Hofberichterstatter zu sein. „Scoops“, Exklusiv-Storys, die landesweit Schlagzeilen machen, gelingen dem Corps selten. Vom „Watergate“-Skandal unter Präsident Richard Nixon oder von „Monicagate“, Bill Clintons Sexaffäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky, erfuhr das White House Press Corps aus der Zeitung. Selten jedoch bestätigten die Inhaber des begehrten White-House-Presseausweises das Schoßhündchen-Vorurteil mehr als unter Bush: „Die vom White House Press Corps sitzen nur herum und warten darauf, dass ihnen der Sprecher des Präsidenten ein paar Brocken Information hinwirft“, sagt Mark Hertsgaard, prominenter freischaffender US-Journalist. „Bush kam nach dem 11. September 2001 in den Genuss einer ,Hände-weg-Berichterstattung’, wie es sie vorher nur unter Ronald Reagan gab.“

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