Widerstand in Corleone
Addio Mafia

In den einstigen Hochburgen der „Paten“ wächst der Widerstand gegen die „ehrenwerte Gesellschaft“. In Corleone wehren sich Bürgermeister, Ladenbesitzer und Bauern gegen die Verbrecherorganisation. Und auch Jugendliche aus ganz Italien helfen mit. Eine Handelsblatt-Reportage.

CORLEONE. Ockerfarbene Häuser säumen die engen, steilen Gassen, der heiße Wind trocknet die Wäsche auf den schmiedeeisernen Balkons, und ganz oben auf dem rötlich-braunen Felsen thront die Ruine eines alten Wachturms über dem Dorf. Corleone, mehr als eine Stunde von Palermo entfernt im sizilianischen Inland, steht spätestens seit dem amerikanischen Kult-Film „Der Pate“ weltweit als Synonym für die Mafia. Hier in Corleone beginnt die Familiensaga der Mafia-Trilogie. Hier spielt die Szene, in der der zukünftige Pate, Vito Corleone, als kleiner Junge auf dem Rücken eines Esels aus der Stadt geschmuggelt wird, um der Blutrache des lokalen Bosses zu entrinnen.

Heute klettern keine Esel mehr die Straßen hoch, und auch die in Schwarz gekleideten Frauen prägen nur noch vereinzelt das Straßenbild. Aber die Mafia dominiert noch immer das Städtchen inmitten der gelb-schwarz verbrannten Hügel. Toto Riina, Auftraggeber von zahlreichen Morden, ist ein Sohn der Stadt, erst 1993 wurde er festgenommen. Und im April des vergangenen Jahres erwischte es Bernardo Provenzano, einen weiteren Mafia-Boss aus Corleone. Jahrzehntelang lebte er in einem Landhaus außerhalb des Städtchens und wurde von Angehörigen der Familie mit Essen und frischer Wäsche versorgt.

Spätestens seit den Morden von Duisburg fragen sich auch die Deutschen bang, wie stark die „ehrenwerte Gesellschaft“ immer noch ist und ob es ein Mittel gegen das organisierte Verbrechen geben kann. Opfer und Täter von Duisburg kamen aus San Luca, einem kleinen Dorf in Kalabrien, Stammsitz der N’dranghetta. Auch dieses Städtchen eine Hochburg der Mafiosi. Hier regiert genauso wie in Corleone die Gewalt.

Doch inzwischen organisiert sich die Gegenwehr von Bürgermeistern, die für die Vergabe öffentlicher Aufträge Anti-Mafia-Prüfungen der Unternehmen verlangen, von Ladenbesitzern, die sich weigern, Schutzgeld zu zahlen, und von Jugendlichen aus ganz Italien, die in den Sommerferien auf konfiszierten Mafia-Landgütern helfen. So wie in Corleone.

Stimmengewirr und Geschirrgeklapper klingt aus dem gelben, dreistöckigen Eckhaus, in dem sich mehr als 30 Schüler und Studenten für zwei Wochen einquartiert haben. Sie sind hier, um den Menschen zu zeigen, dass es auch anders geht, ohne Mafia.

Pfadfinder sind es, Studenten oder einfach nur interessierte junge Menschen, die aus Florenz, Mailand, Messina und Forlì nach Corleone gereist sind, um gegen die Mafia zu kämpfen. Wo sie heute an langen Plastiktischen ihre Penne mit Tomatensauce und Basilikum essen, hat einst ein anderer Herr gehaust: Die Freiwilligen wohnen im Geburtshaus des Paten Bernardo Provenzano, das die Polizei vor einigen Jahren beschlagnahmt hat. „Ein bisschen Gänsehaut bekommt man bei dem Gedanken schon“, sagt Simone, ein Schüler aus Florenz in weißer Jogging-Hose und grau-grünem, engem Polohemd, der sich in einem der Achter-Zimmer mit Doppelstockbetten eingerichtet hat.

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