Wie die EU vom Brexit profitieren kann
Kampf um die Rosinen

Großbritannien wird trotz Brexit weiter fleißig in die EU einzahlen, da sind sich die Ökonomie-Experten einig. Der Verteilungskampf wird spannend: Statt den Briten könnte nun die EU nach den saftigsten Rosinen greifen.

EschbornFür David Marsh hat sich der Brexit gelohnt. 200 Pfund hat er bei einem Online-Buchmacher auf den Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union gesetzt. 600 Pfund hat er am Ende gewonnen. Ein Freund habe ihm von der Wettmöglichkeit erzählt. Das habe er einfach mal ausprobieren wollen. Und so hat der Ex-Journalist und Ex-Banker, der beim Referendum selbst für den Verbleib der Briten in der Europäischen Union gestimmt hat, einfach mal auf den Brexit gewettet. Mit Erfolg. „600 Pfund, das ist doch schon eine ganze Menge Geld“, scherzt Marsh.

Doch dann hört der Spaß auf. Schließlich ist Marsh zum Forum Wirtschaft in die Zentrale der Deutschen Börse nach Eschborn gekommen, um mit Allianz Chefvolkswirt Michael Heise, DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben und ZEW-Präsident Achim Wambach über die langfristigen Konsequenzen des Brexit-Votums zu diskutieren.

Und die Entscheidung steht fest. „Brexit bedeutet Brexit“, unterstrich die neue britische Premierministerin jüngst Ende August. Nur wie das am Ende funktionieren wird, weiß sie vermutlich selbst noch nicht. Die Bande zum Kontinent wird sie wohl nicht komplett kappen können. Zu wichtig sind die Wirtschaftsbeziehungen. „Von den britischen Exporten gehen fast 50 Prozent in die EU. Das ist kein Pappenstiel“, sagt Chefvolkswirt Heise von der Allianz.

Mit einem Anteil von 53 Prozent (329 Milliarden britische Pfund) ist der Posten der Importe aus der EU ähnlich groß. Würden plötzlich wieder Zölle auf diese Handelsströme aufgeschlagen, verursacht dies den Briten jährlich Kosten in Höhe von 24 Milliarden Pfund, hat der WHU-Rektor Markus Rudolf in einer Studie errechnet. Zum Vergleich: 2015 war das Königreich nach Deutschland mit 11,5 Milliarden Euro zweitgrößter Nettozahler.

Doch die Beiträge an die EU werden auch nach dem Brexit nicht verschwinden, ist ZEW-Präsident Wambach überzeugt: „Die Zahlungen an die EU werden sicher nicht auf null runter gehen.“ So mancher Brexit-Befürworter dürfte angesichts dieser Worte aufhorchen. Schließlich sind es nicht zuletzt die hohen Zahlungen an ein vermeintlich intransparentes bürokratisches Geflecht mit dem Hauptknotenpunkt Brüssel, das ihnen so ganz und gar nicht gefällt. Dessen Einfluss galt es ohnehin zu reduzieren.

Mit Slogans wie „Lasst uns die Kontrolle über unser Land zurückgewinnen“ hatte der Londoner Ex-Bürgermeister und heutige Außenminister Boris Johnson die Brexit-Kampagne angeführt. Wird dies tatsächlich gelingen oder wird er sein Versprechen brechen? Noch wurde der offizielle Antrag der Briten zum Austritt aus der EU nicht gestellt. Auf Johnson ist der Brite Marsh übrigens gar nicht gut zu sprechen. Ein „Verführer“ und „Clown“ sei er, der die Briten zum Brexit überredet habe. Nur eben, dass der Clown einen im Ernst der Lage nicht zum Lachen bringt.

Manch ein Brexit-Gegner hofft derweil sogar, dass das Votum neu aufgerollt wird. So weit wird es aber nicht kommen, glaubt Achim Wambach vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Großbritannien werde aus der EU austreten. Aber dann doch nicht so ganz. Politische und wirtschaftliche Beziehungen wird es weiter geben – Verhandlungssache.

Ähnlich sieht es Marsh, der mit Omfif heute eine Plattform zum Austausch zwischen Zentralbanken und Staatsfonds leitet. „In fünf bis sechs Jahren werden wir eine Wischiwaschi-Lösung sehen. Großbritannien wird seinen Zugang zum Binnenmarkt behalten, aber auch noch Geld an die EU überweisen.“ Im August hatte DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben noch vor einem Rosinenpicken bei den Ausstiegsverhandlungen gewarnt. Genau dies scheint nun gar nicht so unwahrscheinlich.

„Das Rosinenpicken wird es aber auf beiden Seiten geben“, betont Marsh. Schließlich braucht auch Europa Großbritannien. Beispiel Deutschland: 2.500 deutsche Unternehmen seien in England vor Ort, 750.000 Jobs seien damit verbunden, erklärt Wansleben. „Wir brauchen den Binnenmarkt und wir brauchen England.“

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