Wie die Wirtschaft funktioniert: Braucht die EZB bald neues Kapital vom Steuerzahler?

Wie die Wirtschaft funktioniert
Braucht die EZB bald neues Kapital vom Steuerzahler?

Die Bürger fürchten, dass die EZB wegen ihrer Bilanzrisiken Milliardenhilfe vom Steuerzahler benötigt. Doch was normalerweise das Euro-System pleite gehen ließe, gilt nicht für die Notenbanken.
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FrankfurtBei ihren Rettungsaktionen hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) Bilanzrisiken aufgeladen, die viele Bürger schaudern lassen. Sie fürchten, dass die Notenbank im Falle einer Staatspleite hohe Verluste erleidet und Milliardenhilfen vom Steuerzahler benötigt, oder wie der Fachmann sagt: rekapitalisiert werden muss. Das Euro-System, also die EZB-Zentrale in Frankfurt und die 17 nationalen Notenbanken des Euro-Raums, hat für weit über 200 Milliarden Euro Staatsanleihen von Krisenländern gekauft. Zudem hat das System Forderungen an Banken von über 800 Milliarden Euro.

Wenn Griechenland sich für bankrott erklären und den Euro verlassen würde, und dann vielleicht auch noch Portugal und Spanien, wäre das Euro-System nach normalen Maßstäben pleite. Allerdings gelten für Notenbanken keine normalen Maßstäbe, weil sie das Geld selbst schaffen, mit dem sie ihre Rechnungen bezahlen.

Man kann sich eine Notenbankbilanz vorstellen, wie zu Zeiten der Goldwährung die Bilanz eines Alchemisten, der tatsächlich Gold aus Sand erschaffen kann. Angenommen, er verleiht dieses Gold, gegen Zinsen an Banken. Eine große Bank geht bankrott, die Goldforderung an diese Bank ist abzuschreiben. Ist der Alchemist dann pleite und braucht neues Eigenkapital? Nein. Er kann weiterhin mit dem Gold, das er schafft, all seine Rechnungen bezahlen.

Bei den Notenbanken sieht man das nicht so leicht, weil sie durch alle möglichen erfundenen Bilanzpositionen auf der Passivseite so tun, als stünden dem geschaffenen Geld Verbindlichkeiten gegenüber. Das senkt den auszuweisenden Gewinn. Nehmen wir an, unser Alchemist habe einen herrischen Meister, dem er seinen ganzen Gewinn abliefern muss. Deshalb schafft er für jede Goldforderung an seine Bankenkunden eine Gegenbuchung auf der Passivseite der Bilanz, die er zum Beispiel „Goldumlauf“ nennt (im Euro-System heißt sie Bargeldumlauf). Dann muss er nur noch die Zinseinnahmen als Gewinn buchen, nicht mehr die Zunahme seiner Goldbestände. Geht eine Bank pleite, ist die Forderung an diese abzuschreiben. Sie wird das Gold am Ende der Leihfrist nicht zurückgeben

Das Gold ist aber weiter im Umlauf. Was macht der Alchemist? Er erfindet eine Buchung auf der Aktivseite, um die Bilanz auszugleichen. Die nennt er zum Beispiel „Verlustvortrag“. Die Bilanz ist ausgeglichen. Seine Rechnungen kann er weiter bezahlen. Wenn sein Meister alt und dement genug geworden ist, kann er ihn natürlich auch zu einer „Rekapitalisierung“ auffordern, und sich so den früher ausgeschütteten Gewinn zurückholen. Er muss es aber nicht.


Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Wie die Wirtschaft funktioniert: Braucht die EZB bald neues Kapital vom Steuerzahler?"

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  • @derkritiker: Ich stimme 100 Prozent zu. Der Leser ist nach dem Artikel genauso schlau wie vorher. Aber der autor konnte immerhin mit ein paar "schlauen" Begriffen herumwerfen.

    Fakt ist, dass der Steuerzahler per se nicht "zahlen" muss, weil die EZB Geld schaffen darf wie sie lustig ist. Folglich fallen auch nie Verluste an und die EZB kann nicht pleite gehen. Die Drohgebärde für den Steuerzahler ist also schlicht falsch.

  • Um die lächerlichen Target2-Thesen Sinns zu entkräften, braucht es diesen Artikel sicherlich nicht, der an kaum zu überbietender Oberflächlichkeit und Begriffsungenauigkeiten krankt und teilweise inhaltlich falsch ist! Was genau meint Herr Häring bspw. mit "pleite"? Technisch insolvent kann das Eurosystem sehr wohl werden, wenngleich es stets liquide bleiben sollte. Das Haupt-Problem dieses Artikels ist aber, dass der Autor seine Gedanken nicht zu Ende denkt, denn seine Feststellungen schließen keinesfalls aus, dass sie ohne Folgen bleiben auch für den deutschen Steuerzahler, sodass man sich fragen muss, was er eigentl mitteilen will. Hier die FTD zu nennen ist ja geradezu absurd, da sie sich scheinbar noch vielmehr als Sprachrohr der Finanzlobby versteht. Fakt ist, guter Journalismus sollte aufklärren, dass tut dieser Beitrag mit Sicherheit nicht. Vielleicht darf man das von Journalisten auch nicht mehr erwarten, wenn selbst die (noch) angesehendsten Volkswirte Deutschlands das Eurosystem nicht verstanden haben und mit abstrusen Thesen hausieren gehen können.

  • "... Diesen ... als Vorbild nehmen ..."
    "... Diesem ... sollen wir uns unterwerfen ..."

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