Wie ein deutscher Unternehmer gegen seinen russischen Partner um eine Molkerei kämpfte
„Man kann vor Gericht Recht bekommen“

Direkt nach der Rubelkrise 1998 gründete Thomas Wurstner eine Molkerei in der russischen Provinz. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit seinem russischen Kompagnon führt er die Firma heute alleine und exportiert für Campina in seine Heimat. Ein Leben in Deutschland kann er sich nicht mehr vorstellen.

HB WORONESCH. Von den Wänden der Molkereihalle blättert der Putz ab, doch die vier Arbeiterinnen und zwei Arbeiter tragen blütenweiße Mützen und Kittel. Sie falten Kartons, in die Joghurtbecher der Molkerei „Vita Fit“ aus Woronesch gepackt werden. Draußen überflutet ein Wolkenbruch den Werkshof binnen Minuten kniehoch mit Wasser. „Ich lasse das meiste von Hand machen. Das ist bei meinen Produktionsmengen billiger – und es bringt Ansehen, wenn man Arbeitsplätze schafft“, begründet Molkereichef Thomas Wurstner die manuelle Falterei der Kartons.

Wenn den Gemäuern auch noch deutsche Akkuratesse fehlt, so blitzen hinter den groben Betonmauern moderne edelstählerne Kesselanlagen. Die Machinen hat Wurstner gebraucht aus Deutschland und Österreich eingeführt und damit der Molkerei neues Leben eingehaucht. Doch damit war der Sorgen noch lange kein Ende, auch ständige Stromausfälle durch brüchige Kabel inmitten der Produktion waren noch kleinere Probleme.

Großes Kopfzerbrechen bereitete dem heute 53-Jährigen der Kampf mit seinem russischen Gründungspartner um die Milchfabrik: „Meine Devise war, dass ich das westliche Know-how mitbringe und er die russische Kultur. Dann wird es ein gutes Geschäft. Darum gründete ich 1999 ein Joint Venture mit einem Russen“, erinnert sich der bullige Selfmade-Unternehmer und fügt frustriert als Lehre hinzu: „Ich hätte von Anfang an Klartext reden müssen, alles schriftlich fixieren müssen mit drei Durchschlägen – wie eine Behörde. Aber so arbeite ich nicht.“

Wurstners russischer Kompagnon nutzte Gutgläubigkeit und persönliches Vertrauen aus, als der Hamburger am Anfang sein Geschäft noch von Moskau aus verfolgte. „Als er erste Profite roch, wurde mein russischer Partner begehrlich“, umschreibt Wurstner noch fast diplomatisch die dann folgende Schlacht um die Molkerei. Dabei legte ihm sein Partner gefälschte Rechnungen vor, um einen höheren Anteil an der Fabrik zu bekommen. Später ließ er die Molkerei von vermummten Bewaffneten stürmen. Es folgten Klagen auf Klagen, Gerichtsurteil nach Gerichtsurteil.

Graue Strähnen ziehen sich seither durch Wurstners braunes Haar. Doch am 15. Dezember 2003 hatte er nach vier Jahren Kampf vor Gericht und zwei Dutzend Prozessen die Schlacht gewonnen. Die Molkerei gehört ihm nun allein. „Man kann sich vor russischen Gerichten durchsetzen. Aber das braucht seine Zeit“, lautet sein nüchternes Fazit.

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