Wie geht es weiter in Griechenland?

Der Fall von Alexis Tsipras

Nicht der Grexit ist das wahrscheinlichste Szenario, wenn die griechische Schuldenkrise weiter eskaliert. Auch nicht der Graccident. Sondern der Sturz der Regierung von Alexis Tsipras.
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Sind die Tage von Alexis Tsipras gezählt? Quelle: AFP
Alexis Tsipras

Sind die Tage von Alexis Tsipras gezählt?

(Foto: AFP)

WashingtonIm Schuldenstreit mit Griechenland ist die höchste Eskalationsstufe noch lange nicht erreicht, nicht einmal verbal. Wer wie der Athener Regierungschef Alexis Tsipras schon Reformauflagen als „Brandschatzung“ wertet, den Internationalen Währungsfonds (IWF) für „kriminell“ hält und die eigene Verweigerungshaltung als Notwehr begreift, der kann das absehbare Resultat der Konfrontation mit den Gläubigern eigentlich nur noch als Kriegsakt auffassen.

Dieses Resultat ist nicht der oft beschworene Grexit, auch nicht der Graccident, also der freiwillige oder unfreiwillige Abschied Griechenlands aus der Eurozone. Ein anderes Szenario ist viel wahrscheinlicher: der Sturz der Tsipras-Regierung, ein Regimewechsel in Athen.

Man muss kein Syriza-Anhänger sein, um diesen Gedanken verstörend zu finden. Regimewechsel – die Vokabel entspringt der neo-imperialen Hybris der Bush-Cheney-Ära in den USA. Ihre bloße Nennung ist eine Provokation im zivilen Gewerbe der europäischen Politik, ein verbaler Guss Öl in einen ohnehin schon lodernden Konflikt. Eine Politik, die sich diesem Ziel verschreibt, übt Verrat der demokratischen Ideale der Europäischen Union.

Daher betonen die Gläubiger, dass sie weiter auf ein griechisches Einlenken hinarbeiten. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer jüngsten Regierungserklärung einmal mehr. Doch allen Beteiligten ist inzwischen klar, dass der Weg aus der Krise sich verschließt und ein Crash kaum noch vermieden werden kann. Ein Kompromiss zwischen der griechischen Regierung und ihren Geldgebern wird immer unwahrscheinlicher, erwartungsgemäß gab es bei einem Treffen der Eurogruppen-Finanzminister am Donnerstag keine Lösung. Dass der für Montag einberufene Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs einen Durchbruch bringt, ist nun ein letzter, vager Hoffnungsschimmer.

Ein paar läppische Milliarden Euro liegen zwischen dem Angebot der Gläubiger und dem Gegenangebot der Griechen. Die Einigung erscheint zum Greifen nah und ist doch in weiter Ferne. Die Differenzen über die Sparvorgaben lassen sich schon lange nicht mehr mit monetären Größen messen, sie resultieren aus einem Vertrauensdefizit. Geld gäbe es genug, aufgebraucht ist der gute Wille.
Darum geht auch die Empfehlung ins Leere, die selbst einige deutsche Kommentatoren Merkel inzwischen anraten. Sie lautet: nachgeben.

Das Argument geht so: Sind die 330 Milliarden Euro, die sich Griechenland bei seinen öffentlichen Gläubigern geliehen hat, nicht in großen Teilen ohnehin verloren? Warum den Griechen also nicht ein neues Angebot unterbreiten: Ein echter Schuldenschnitt gegen echte Reformen, auch im maroden Rentensystem? Beide Seiten müssten politische Tabus brechen, es würde Aufruhr geben – im griechischen Parlament genauso wie im deutschen Bundestag. Doch der Lohn dieser letzten Kraftanstrengung wäre, was sich all wünschen: Ruhe.

Tsipras? Hat noch ein bis zwei Wochen
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  • Dieses Interview war Gold wert und trifft den Nagel auf den Kopf. Auch gestern Abend bei Maybritt Illner hat der Poltikwissenschaftler die gleiche Meinung vertreten. Und wen demnächst die Zinsen wieder steigen sollten löst sich der ganze Laden von allein auf.

  • Ihre "Bewertung" trifft natürlich zu. Die permanenten Verfehlungen drittklassiger "Europa-Politiker" entschuldigen aber noch nicht jene Jahrhunderte alte "mediterrane Dekadenz" der Hellenen, die sich nicht scheuen, wann und wo immer sie können, sich einen Lenz zu Lasten Dritter zu machen. Und wenn es mal wieder - wie in der Geschichte schon unzählige Male - schief geht, dann melden sie einmal mehr ihren Bankrott an, bei dem ihre zugegeben dämlichen Gläubiger regelmäßig in die Röhre schauen. So wird es natürlich auch dieses Mal kommen. Die überwiegende Zahl unserer Politiker in Brüssel und Berlin kennen nicht einmal Hintergründe und Geschichte, zu der sie entscheiden, geschweige denn dass sie daraus Lehren ziehen.

  • Es ist schon bemerkenswert wie die Lobby gegen andere Meinungen vorgeht. Wher weis Herr Jacob Kirkegaard was nach einen Grexit abgeht. hat erauch gewußt als der EURO die Länderwährungen ablöste, dass wir heute ohne Zinsen alle Bürger enteignen nur um das Finanzsystem zu retten?
    Hat die EU nicht zuerst das Dach des europäischen Hauses gebaut und sich selbstbereichert und heute versucht man unter das Dach die Wände und den Kller zu schustern.
    Dazu kommt dass alle Entscheidungsträger einem Irrglauben hinterherlaufen und zustimmen, weil Sie Steuergelder in Größenordnungen abfassen die wo anders fehlen. bestechung sagt man dazu, nicht gehalt oder Lohn, weil Arbeiten für die Allgemeinheit ist das sicher nicht.

  • "Deutschland wird zur Zeit dreifach bestraft:"
    Mit einer US Spionin, ob freiwillig oder unfreiwillig, als Bundeskanzlerin ist das auch voll gelungen. Das die Deutschen allerdings so dumm sind und sie immer wieder waehlen dafuer kann selbst die USA nichts.

  • So ganz ausgeschlossen scheint mir ihre Befürchtung nicht zu sein, ob womöglich "Feinde eines vereinten Europas dahinterstecken", Herr Domenico. Sie fragen, was bei uns los ist. Sie meinen wahrscheinlich, was mit unseren verantwortlichen Politikern los ist. Das erinnert mich an ein sehr aktuelles Interview im Deutschlandfunk. Am 16. Juni 2016 sagte der slowakische Europa-Abgeordnete und studierte Volkswirt Richard Sulik dort einigermaßen wörtlich: „Europas Politiker sind größtenteils Feiglinge. Hätten sie mehr Sachverstand, wäre der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion schon lange erfolgt. Schon 2010 musste jedem klar sein, dass Rettungspakete keinen Sinn machen. Die meisten auch meiner Kollegen im EU-Parlament könnten nicht mal einen Kiosk führen. Deshalb sind sie ja in der Politik.“ Sulik verglich die Situation mit einer medizinischen Operation, bei der sämtliche Leute um den OP-Tisch ständen, nur keine Ärzte. Er hat mir in seiner Bewertung der Sache, aber auch der Bewertung verantwortungsloser und unfähiger Politiker beinahe aus der Seele gesprochen. In der GR-Krise kommen mir all die großen Namen der „Europa-Elite“, die keine ist, allenfalls wie „hilflose Freischwimmer“ vor. Ein Schmierentheater par excellence!
    Jüngst saßen wir in unserem nicht gerade kleinen „innerfamiliären Wählerverbund“ zusammen und wunderten uns über die vielen uninformierten „deutschen Michel“, die immer noch den drei bis vier Parteien die Stange halten, die unreflektiert oder in purer Dummheit all den verfehlten Rettungspaketen zugestimmt haben. Ich habe das Gefühl, wenigstens von uns wird für den Rest unseres Daseins keine davon je noch eine Wählerstimme erhalten.

  • @ Bihari Sharan

    >> ..... was tragen die reichen Griechen zur Linderung der ärgsten Not bei? Wie dem auch sei, Europa wird einspringen werden, um diese zu lindern. <<

    Genau! Die Griechen erinnern sich bestimmt noch dankbar an die "Linderung der Not" durch die Troika. Haben Sie zu lange Ihre Nase in die Bild-Zeitung gesteckt, Herr Sharan?
    Wenn Europa (gemeint ist bei Ihnen wohl die EU) irgendwo "einspringen" will, verheißt das nichts Gutes. Das Wahlergebnis für Syriza und der dadurch entstandene Machtwechsel ist aus dieser Erkenntnis hervorgegangen.

  • Die Zustimmung und vor allem die Abhängigkeiten im System MERKEL lässt ahnen, wie diese "jämmerlichen" politischen (deutsche) Figuren (Politiker und Journalisten) funktionieren, auch schon nach knapp 10 Jahren korrumpiert sind ( seit 22. November 2005, dritte. Amtsperiode MERKEL)...Kann man das den Griechen, die tausende Inseln haben und wo jeder sein eigener "Unternehmer" z.B. Fischer etc. ist ...Wir werfen den USA Unkenntnis der Staaten im nahen und Fernen Osten vor...zu Recht...Aber was wissen wir Mittel-Europäer über die Südstaaten Europas und vor allem Griechenland...Relativ wenig, sonst wäre GR nicht EURO und EU - Mitglied geworden...Von Kohl bis MERKEL hat man die deutschen Steuerbezahler betrogen und wird jetzt zurecht als Europäische Imperiale Macht in den Südstaaten der EU wahrgenommen..Das Ansehen der Deutschen war in den Südstaaten der EU noch nie so schlacht...

  • Bravo,gut gebrüllt Löwe...Das zeigt deutlich, auf welch wakligen Beinen die EU und EURO steht...Man brauch nur eine Karte ausdem Kartenhaus ziehe und die ganze EU fällt in sich zusammen...Das weiss auch der Dümmste und natürlich auch die USA...Das Erpressungspotential auch ohne NSA ist astronomisch hoch...

  • Eigentlich müssten diejenigen jämmerlichen politischen Figuren fallen, die dieses erbärmliche Euro-Desaster seit Jahren künstlich am Leben gehalten haben. Diese jämmerlichen politischen Figuren findet man in Deutschland, in der Bundesregierung, sie lassen deutsches Steuergeld in Griechenland verbrennen. Da muss der Blick nicht nur nach Griechenland und den Fall von Tsipras schweifen.

  • Tsipras hat sich als Schachpieler für die harte/weiche Variante entschieden: die Dame (MERKEL) mit Lagard/IWF und EU/EZB ins Leere laufen zu lassen und mit Bauern anzugreifen...Wenn man als weiß, daß der EURO / EU und Griechenland alternativlos ist, muss man nur ruhig die Bauern in Stellung bringen...
    MERKEL & CO will die germanisierung der Griechen und die wollen so bleiben wie sie sind... Ein Land und eine Gesellschaft wie Griechenland, die von Beziehungen in Familien und Gleichgesinnten lebt und die Einmischung des Staats, auch Finanzamts vehement ablehnt, kann man nicht mit germanischen Mitteln brechen...Sie sind viel zu stolz und gehen lieber unter...
    Die Oligarchen beherrschen die Medien inklusive Fernsehen
    (bei uns sind es die Parteien...). Keine GR- Regierung kann gegen diese Macht gewinnen...(siehe auch parallel Parteien- Deutschland)...
    Das Oligarchen-System hat über 1.000 Jahre Tradition und ist der Osmanisierung der Griechen geschuldet...
    Wenn man die Griechen wirklich ärgern will, bestellt man beim "Griechen" einen Raki (türkischer Anis-Schnaps), Arak (arabisch) ·, anstelle Ouzo (griechisch)...Prost...Jámas ..

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