Wie groß ist Teherans Know-how in der Nukleartechnik: Katz und Maus in der Atomfrage

Wie groß ist Teherans Know-how in der Nukleartechnik
Katz und Maus in der Atomfrage

Wann der Iran in der Lage sein könnte, eine Atomwaffe herzustellen, ist unter Experten äußerst umstritten. Erst am Mittwoch hatte Mohamed el Baradei, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), diese Gefahr eher heruntergeredet. In einem Interview mit der „Washington Post“ sagte el Baradei, wenn er das Gesamtbild betrachte, könne er keine Hinweise für die Anreicherung von Uran im Iran feststellen.

BERLIN. Zu einer ganz anderen Einschätzung kam ebenfalls gestern der israelische Außenminister Silvan Schalom. Er erklärte, dass der Iran innerhalb von sechs Monaten die Fähigkeiten zur Herstellung von Atombomben erworben haben könnte.

Tatsächlich bewegt sich die Debatte über den Stand der iranischen Atomforschung schon lange außerhalb nachweisbarer Fakten. „Aus Israel werden immer wieder Meldungen über das iranische Atomprogramm lanciert“, sagt Otfried Nassauer vom Berliner Zentrum für transatlantische Sicherheit (Bits). Und nicht nur von dort. Aus den Reihen neokonservativer Politiker in den USA werde das Thema ebenfalls am Kochen gehalten. „Dort gibt es die Sorge, dass nur der Irak als Negativbeispiel in der Region übrig bleibt.“ Könne ein anderer, mehr Erfolg versprechender Schauplatz aufgemacht werden – wie eben Iran –, sei dies in deren Sinne.

Kenneth M. Pollack, angesehener Sicherheitsexperte des Washingtoner Brookings-Instituts, hatte kürzlich in seinem Buch „Das persische Puzzle“ dargelegt, dass der Iran mindestens drei Jahre, wahrscheinlich aber acht bis zehn Jahre, davon entfernt sei, über eine Atomwaffe zu verfügen. Allerdings warnt Pollack vor dem schmalen Zeitfenster, das für eine Lösung zur Verfügung steht. Ein, maximal zwei Jahre gibt er den diplomatischen Bemühungen, damit diese zum Erfolg führen. Dann schließe sich die Gelegenheit.

Dahinter verbirgt sich die Sorge vor der Eigendynamik des Prozesses, der schon im Irak sichtbar war. Denn ab einem bestimmten Punkt – als klar war, dass die USA in jedem Fall den Irak militärisch angreifen würden – hatte Bagdad keinerlei Sinn mehr darin gesehen, weiterhin auf diplomatischer Ebene, etwa mit der IAEA, zu kooperieren. Vor ein ähnliches Dilemma sehen sich zuweilen schon jetzt die Verhandlungsführer der EU-3, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, gestellt. Sie müssen ihre Gespräche mit Teheran über das Nuklearprogramm vor dem Hintergrund harscher US-Rhetorik führen. Erleichtert werde dadurch die Verhandlungsführung nicht, heißt es aus Kreisen der Delegationen. Denn dass die Europäer nicht in der Lage seien, die Absichten der USA zu stoppen, habe der Irak gezeigt.

Die große Skepsis der Amerikaner über die europäischen Bemühungen, mit Teheran zu einer dauerhaften Vereinbarung zu kommen, speisen sich dabei nicht nur aus neokonservativer Ideologie. Tatsächlich hat der Iran Informationen über seine atomaren Anlagen stets nur stückweise preisgegeben. Unvergessen ist etwa die überraschende Entdeckung der Anlagen in Natanz und Arak in 2002, deren Existenz zuvor unbekannt war. Ein weiteres Problem ist aus Sicht der USA die Proliferation. Man fürchtet, dass sich Iran nicht nur auf den Besitz von Atomwaffen beschränken, sondern diese – ähnlich wie Pakistan – weitergeben könnte. An diesem Punkt wird ein iranisch-syrischer Schulterschluss für Washington besonders heikel.

Dass in den USA schon lange darüber nachgedacht wird, wie ein „regime change“ in Teheran in Szene zu setzen wäre, ist bekannt. Was manche Europäer dabei jedoch verblüfft, ist die in der US-Administration weit verbreitete Annahme, ein Funke werde genügen, um den Volksaufstand gegen die Mullahs auszulösen. „Die meisten Iraner haben Revolutionen satt“, widerspricht auch Kenneth M. Pollack. Und: „Jedes Mal wenn die USA versuchten, im Iran Einfluss zu nehmen, und einer bestimmten Gruppe halfen, schlug das auf uns zurück und auf jene, denen wir helfen wollten.“

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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