Wie Hillary Clinton wurde, wer sie ist
Auf der Suche nach der frechen Studentin

Sie ist so erfolgreich und selbstbewusst wie kaum eine andere – und sich selbst doch der größte Feind: Hillary Clinton hat schon viel erreicht. Genau das kann ihr jetzt gefährlich werden. Psychogramm einer Karrierefrau.
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San FranciscoSie verkündete ihre Kandidatur an einem Sonntag vor knapp zwei Wochen. Einen Tag später packte sie ihre Koffer in einen unscheinbaren, schwarzen Kleinbus und fuhr bei Nacht und Nebel los in Richtung Iowa. Keine Presse, keine Publicity, kein politischer Tross, nur enge Berater und manchmal ein Foto zwischendurch auf ihrer Twitter-Seite.

Es ist eine anstrengende Autofahrt, die locker, mit Pausen und Übernachtungen, zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen kann. Selbst im autobegeisterten Amerika nimmt dies niemand ohne Not in Kauf. Schon gar nicht, wenn man 67 Jahre alt ist, vollgepackte Terminkalender hat, und Präsidentin der USA werden will. Doch Hillary Diane Rodham Clinton nutzt diese seltene Chance ganz am Anfang ihres Wahlkampfs.

Die vielleicht bald mächtigste Frau der Welt will noch einmal zeigen, was sie dorthin gebracht hat, wo sie jetzt ist: harte Arbeit, Entbehrungen und Willensstärke. Sie tingelt durch kleine Orte, spricht in kleinen Sälen mit kleinen Gruppen. Vielleicht will sie sich aber auch nur selbst daran erinnern, wie das so ist, wenn man nicht ganz oben ist auf der Karriereleiter. So eine Besinnungstour, um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, hatte sie schon 2000 einmal absolviert, als sie für den Senat kandidierte. Und es hat sich gelohnt. Sie gewann.

Clinton ist ein Produkt ihrer Zeit. Geboren am 26. Oktober 1947, wuchs sie auf als Tochter eines Ladenbesitzers in einer Mittelschichtfamilie in einem Mittelschicht-Vorort von Chicago. Sie interessierte sich früh für Politik und stand zunächst auf der Seite der Republikaner, so wie ihr Vater. Eine Rede von Martin Luther King ließ sie zum demokratischen Lager überlaufen. Als die junge Hillary 1968 der Partei beitrat, befand sich Amerika in einer schweren Krise.

Der Vietnamkrieg traumatisierte und polarisierte das Land. Die Präsenz der US-Kriegsmaschine war auf ihrem Höhepunkt, und gleichzeitig begann der Niedergang, als Nordvietnam mit der „Tet-Offensive“ das Blatt wendete. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung veränderte die Gesellschaft im Inneren, und die Ermordung John F. Kennedys hatte weltweites Entsetzen ausgelöst. Und Millionen junger Frauen wie Hillary Rodham begehrten insgeheim auf. Sie ahnten, dass da noch etwas anderes als Mutter und Küche ist. Sie wussten es sogar. Aber sie wussten noch nicht, wie sie dorthin kommen sollten.

Von diesen Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs und einer revoltierenden Jugend geprägt, begann sie ihre Zeit im Wellesley-College. Wenn es um ihre Meinung ging, dann scheute sie nicht davor zurück, sich Feinde zu machen. Ihre Unbeugsamkeit und ihr Ehrgeiz ließen sie zum Sprachrohr ihrer Kommilitonen werden. 1969 hielt sie als erste Studentin oder Student überhaupt an einem College die „commencement speech“, die Rede zum Abschied der Absolventen.

Es war eine wütende Ansprache. „Die Rede war voll von der kompromisslosen Sprache, die man nur schreibt, wenn man 21 ist“, wird sie sich später erinnern. Aber es waren die Wünsche und Träume ihrer Generation, und sie sprach sie unverblümt und ohne Rücksicht auf Verluste aus. „Die Herausforderung“, sagte sie damals, „ist jetzt Politik als die Kunst zu verstehen, das unmöglich erscheinende möglich zu machen.“

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