„Wie im Kalten Krieg“ Ukraine sauer über Rufe nach EM-Boykott

Gepflegter Rasen, schmucke Stadien, genug Hotelbetten: Aus Sicht der Ukraine ist alles für eine gelungene Europameisterschaft getan. Die massive Kritik aus Deutschland zum Fall Timoschenko empört Kiew maßlos.
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Eine Werbetafel von zur UEFA Euro 2012 Fußball-Europameisterschaft in Kiew. Quelle: dpa

Eine Werbetafel von zur UEFA Euro 2012 Fußball-Europameisterschaft in Kiew.

(Foto: dpa)

Kiew/BerlinKeine Zugeständnisse des EM-Gastgebers: Die Ukraine hat Forderungen Deutschlands nach einer Freilassung der in Haft erkrankten Politikerin Julia Timoschenko scharf zurückgewiesen. Nachdem in Berlin mit einem politischen Boykott der Spiele gedroht worden war, warnte das ukrainische Außenministerium die Bundesregierung am Montag davor, die „Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben“.

Rückendeckung erhält Deutschland von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. In Polen, dem Co-Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft (EM), herrscht dagegen Schweigen zu den Boykott-Forderungen gegen die Spiele in der Ukraine. Auch von anderen EU-Mitgliedern erhält Deutschland bisher wenig Unterstützung. So ist ein politischer Boykott in vielen Fußball-Nationen wie England, Frankreich oder Portugal kein Thema. Die EM beginnt am 8. Juni.

Die frühere Regierungschefin Timoschenko verbüßt nach einem umstrittenen Strafprozess eine siebenjährige Gefängnisstrafe. Die Widersacherin von Präsident Viktor Janukowitsch leidet unter einem Bandscheibenvorfall und befindet sich nach eigenen Angaben seit dem 20. April im Hungerstreik. Auch mehrere Minister der früheren Regierung Timoschenko sitzen in Haft.

Röttgen: Politiker sollten Fußball-EM in der Ukraine fern bleiben

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwägt, ihren Ministern zu empfehlen, den EM-Spielen in der Ex-Sowjetrepublik fernzubleiben. Dies gilt laut „Spiegel“ für den Fall, dass Timoschenko nicht für eine angemessene medizinische Behandlung freigelassen wird.

Dem behandelnden deutschen Arzt Karl Max Einhäupl bereitet der Hungerstreik Timoschenkos Sorgen. „Bei einer Patientin, die bereits seit vielen Monaten erhebliche Schmerzen hat und unter einem unheimlichen Stress steht, wird dieser Hungerstreik früher zu Problemen führen, als das üblicherweise der Fall ist“, sagte der Chef der Berliner Charité im ZDF. Einhäupl kündigte an, noch in dieser Woche erneut zur Behandlung nach Charkow
reisen.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte der „Bild“-Zeitung (Montag), es müsse unbedingt verhindert werden, dass „das ukrainische Regime“ die EM zur Aufwertung seiner „Diktatur“ nutze. „Deshalb finde ich, dass Besuche von Ministern und Ministerpräsidenten zur EM nach jetzigem Stand nicht in Frage kommen.“

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  • Als unter Juschenko und Timoschenko die Ukraine in die EU wollte hat man gekniffen. Jetzt arbeitet man gemeinsam mit Russland wohl an einem neuen Projekt. Allerdings die Ukraine unter Janukowitch als demokratisch zu bezeichnen ist eine Frechheit von den Schreiberlingen über mir. Der ehemals moskautreue Wahlfäscher Janukowitch ist lediglich in Ungnade von Putin gefallen und Merkel wechselt nun ebenfalls die Fronten. Für Timoschenko zu sein bedeutet in diesem Fall Rückendeckung für Putin, um die Ukraine wird in Beschlag nehmen zu können. Aber dafür muss erst der grosse Zorn entfach werden, was gerade geschieht.

  • Seit einem halben Jahr arbeite ich nun als Expat in der Ukraine. Es erscheint irgendwie schade, wie sich ploetzlich Deutschland "Seite an Seite" mit Russland (sitzen dort nicht auch Dissidenten in sibirischen Gefaengnissen? sind die Demonstrationen gegen Putin und fuer Demokratie vergessen?) fuer einen politischen Boykott der EM ausspricht. Es erscheint scheinheilig, ploetzlich wieder das Thema aufzuwaermen.

    Die MENSCHEN in der Ukraine haben das nicht verdient. Fuer sie ist es ein Schock - wo sie doch so stolz sein koennen, einmal Gastgeber sein zu koennen, Auslaender begruessen zu koennen, die Staedte "herausputzen". Ich habe selten ein so friedvolles Volk erlebt, das aktuell "und schon immer" nichts anderes machen kann, als die jeweiligen Machthaber zu ertragen. Das hat das Volk gelernt - egal, wer an die Macht kommt, das Volk hat nichts davon.

    Ja, Julia Timoschenko darf nicht gefoltert werden, sie muss eine ordentliche aerztliche Behandlung bekommen. Ich bin ebenfalls dafuer. Es ist sehr gut, wenn man sich dafuer einsetzt. Aber bitte auch fuer die anderen Dissidenten, fuer alle Menschen dort. Und bitte kein Populismus.

    Und: Eine ordentliche aerztliche Behandlung bekommen enorm viele Menschen in der Ukraine nicht. Frau Timoschenko steht nur stellvertretend fuer wahrscheinlich tausende oder zehntausende, die keine normale medizinische Behandlung bekommen (koennen) in der Ukraine. Dennoch freuen sie sich auf die EM. Machen wir ihnen diese Freude nicht kaputt. Und regarieren dauerhaft wir mit den richtigen Mitteln auf die Inhaftierung, Folter usw. von Dissidenten.

    Was ich mich immer frage - warum nicht einfach die Visumpflicht aufheben? So koennen wir uns diesem Land oeffnen. Die Leute kommen nicht dauerhaft nach Deutschland usw. - aber sie koennen sehen, wie es hier aussieht und sich dann ein Bild fuer ihre Ukraine machen und dieses vielleicht ja doch mitentwickeln. Aber vielleicht geht dieser Gedanke an dieser Stelle zu weit ,-)

  • Meine Tante ist 78. Ich besuche sie alle 2 Monaten. Sie glaubt absolut alles was im Fernsehen läuft. Wenn man im Fernsehen sagt, dass die Ukraine eine Diktatur ist, dann ist sie wütend und redet über die horende Ungerechtigkeit und warum keiner was dagegen unternimmt.



    Jeder der ernsthaft politisch etwas bewegen will, muss zuerst auf die Medien zuschlagen. Sobald die Propaganda weg ist, wird die Welt auch friedlicher... und viele Millionäre werden ärmer.

  • Es gibt letztlich nur ein Europa; die Ukraine und Russland sind ein unverzichtbarer Teil davon. Es darf kein neuer Graben mitten in Europa ausgehoben werden, wer das tut schädigt die Interessen der Bürgerinnen und Bürger dieses Kontinents.

  • Ich bin ein deutscher Manager und arbeite seit drei Jahren in der Ukraine. Ich werde hier von allen Menschen gut aufgenommen und mir sind noch nie irgendwelche Drohungen gemacht worden. Ich kenne mittlerweile viele Ukrainer und niemand hat mir etwas von politischen Häftlingen erzählt oder hat das Gefühl in einer krassen Diktatur zu leben. Natürlich wünscht sich jeder hier, eine Entwicklung wie zum Beispiel in Polen, wozu auch eine politische Weiterentwicklung gehört. Viele sind von der generellen Entwicklung des Landes maßlos enttäuscht. Insbesondere aber auch mit der Amtszeit von Frau Timoschenko, die so viel versprochen hat von dem am Ende nichts eingelöst wurde. Ob Polizisten, Steuerbeamte, Professoren...man fühlt und lebt hier europäisch und russisch. Die Menschen sind mir gegenüber sehr freundlich und aufgeschlossen. Viele fragen sich, was ist denn jetzt los? Deutschland beschimpft uns als Diktatur und will die EM, eine Annäherung der Völker, zunichte machen? Frau Timoschenko, die hier als perfekte und gerissene PR-Frau bekannt ist, wird plötzlich pünktlich zur EM misshandelt und tritt in den Hungerstreik, derweil ihre Tochter in Deutschland auf Tournee ist. Ist ein Diktator so dumm und lässt dann auch noch die Presse, Fotografen und ausländische Ärzte zu ihr. Dann noch die Bomben, die Keinen ernsthaft verletzt haben, aber medienwirksam sind. Ich persönlich bin überfordert mit dem, was hier abgeht. Hätte man nicht viel früher Kritik üben sollen? Insgesamt bin ich der Meinung, daß gemeinsame europäische Projekte bei der Trinkwasserversorgung, Kanalisation, Verkehrinfrastruktur, Verwaltungsstrukturen, Energieeffizienz usw. einem Volk helfen und jeden politischen Machthaber irgenwann alt aussehen lassen. Dies erfordert natürlich große Visions- und Tatkraft, wie wir sie in Deutschland in den 50igern und 60igern zu Zeiten des Wirtschaftswunders hatten.

  • Das Problem heisst "dpa".

  • Rumpelstilzchen schreibt:

    "Was ich aber in letzten Jahren so wahrnehme, ist, dass die Medien versuchen Politik zu gestalten, indem sie Politiker hetzen, in die Richtung, die sie für richtig halten.

    Nur ist die Presse nicht demokratisch gewählt und hat somit kein Mandat die Politik zu gestalten.

    Darüber sollte man in den Redaktionsstuben einmal nachdenken!"

    Vielleicht sollte auch RUmpelstilzchen mal überlegen, ob eine vom Volk nicht genehmigte Koalition eine demokratische Legitimation darstellt. Noch dazu, weil viele Menschen die das Volk darstellen, garnicht wählen dürfen (Senile dürfen wählen, Jugendliche nicht!). Und besteht eine demokratische Legitimation, wenn der Politiker nicht abwählbar ist, obwohl sich wesentliches geändert hat?

    Aber zurück zur Ukraine: ich persönlich möchte mit diktatorischen Systemen nichts zu tun haben. Auch nicht dann, wenn ich dadurch (scheinbare) wirtschaftliche Vorteile habe. Freiheit ist durch nichts zu ersetzen und das Risiko von zu uns rüberschwappenden weiteren Elementen der Diktatur ist einfach zu groß. Man kann ja schließlich nicht Freiheit bejahen, wenn man dabei nur seine eigene meint! Nicht wahr, Rumpelstilzchen?

  • @ Runpelstielzchen:

    Also zunächst ist es ja wohl so, dass die Presse im Wesentlichen dazu berichtet hat, dass der Bundespräsident sowie zahlreiche internationale Politiker die Spiele boykottieren wollen.
    Darin vermag ich beim besten Willen keine tendenziöse Berichterstttung erkennen.

    Zu denken gibt mir auch, dass nicht nur das HB, sondern faßt alle Presseorgane ähnlich berichten.

    Wollen Sie etwa allen Ernstes behaupten, unsere Presse sein "gleichgeschaltet"??? Da kann man doch nur über Ihren Kommentar lachen.

  • Eine nächste Season-Verschlimmerung!
    Vor ein Jahr hat Hochgeehrete Frau Merkel den Befehl "Über Krach der Multikulturalität" veröffentlicht. Norwegischer "Held" Breivik hat die Rolle vom akkuraten Vollzieher erfüllt - 90 Leichen - etwas exzessiv, aber egal...
    Und jetzt wieder - ein Ultimatum und ein Boykott nach vorläufigen Terror-Attacken in der Ukraine. Forderungen, Timoschenko frei zu sprechen, sehen überhaupt aus, wie Forderungen von Terroristen. Ukrainische Sicherheitsdienste haben das Ultimatum akzeptiert. Entsprechend. Die suchen schon Beziehungen.
    Ich bin Arzt von Beruf und bereit, kriminelle Verantwortung für Verletzung der Schweigepflicht ( § 203 des StGB`s) zu tragen. Aber ich bin gegen Terrorismus - einfache Passanten sind nicht schuldig.

  • Wer glaubt, dass der kalte Krieg irgendwann beendet wurde? Wer glaubt, dass das Endziel des kalten Krieges der Sieg über Kommunismus war? Wer glaubt, dass Geheimdienste von NATO-Ländern nichts getan haben, um lebende (einschließlich unbewaffnete) Kräfte des Gegners zu vernichten? Wenn Sie glauben, sind Sie enorm religiös.
    Der kalte Krieg ist ein unmittelbarer Fortgang des 2. Weltkrieges und wird nur dann beendet, wenn der 3. anfängt. Sorry, aber objektiver als Geschichte und Geld können keine mehr Beweise sein. Dank dem EM-Boykott verliert die Ukraine, das ukrainische Volk sehr viel Geld. Motive der progressiven europäischen Demokratie sind klar und durchsichtig - Schaden, Verluste zu verursachen.

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