International

_

Wiedereröffnung der Banken: „Ich werde mein Konto leerräumen“

Seit 11 Uhr deutscher Zeit haben die zyprischen Banken geöffnet. Schon am Morgen strömten die Menschen vor die Schalter. Nervosität und Wut macht sich breit. Viele wissen nicht, wie viel sie noch auf dem Konto haben.

NikosiaDer Rentner Christos Nikolaou ist extra früh aufgestanden. „Meine Frau und ich waren heute Morgen mit die ersten, die sich hier eingefunden haben“, sagt er. „Mir reicht es, ich möchte endlich wissen, wie viel von unserem Geld sich überhaupt noch auf dem Konto befindet.“ Immer wieder schaut er unruhig durch die Glasfassade der Laiki Bank in Richtung der Schalter.

Anzeige

Jetzt ist er da, der Moment, dem die einen seit Tagen sehnsüchtig entgegenfiebern, der anderen aber gleichzeitig große Sorgen bereitet. Während die Zyprer hoffen, endlich wieder über ihre Bankguthaben zu verfügen, fürchten Regierung, internationale Partnerländer und nicht zuletzt die Finanzmärkte, dass es zu einem chaotischen Bank Run kommen könnte, zu sozialen Unruhen und Gewalt. Einmal mehr steht die winzige Mittelmeer-Republik im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Infografik Ende des freien Geldes

Auf Zypern herrscht ein Zwangsregime über das Geld: Weil das Land vor der Pleite gerettet werden muss, gibt es jetzt Kapitalverkehrskontrollen. Das ist neu für die Europäische Union - und könnte mehrere Monate andauern. Fahren Sie mit der Maus über die Diagramme, um mehr Informationen über das Finanzsystem zu bekommen.

Christos ist einer von Hunderten Menschen die sich bereits am frühen Vormittag auf der Leoforos Archiepiscopou Makariou gesammelt haben und darauf warten, dass die Türen der Banken um 12 Uhr Ortszeit öffnen. Auf der Hauptstraße unweit des Zentrums von Nikosia reihen sich die Gebäude zahlreicher Geldhäuser. Hier steht auch eine Filiale der Bank of Cyprus, dem größten Institut des Landes. Auch die Laiki Bank, die abgewickelt werden soll, hat hier eine größere Filiale.

„Die Menschen sind nervös“, sagt eine junge Bankangestellte im hellgrauen Kostüm. „Aber ich denke, wir haben die Lage gut im Griff“, macht sie sich selbst etwas Mut. „Wir hatten genug Zeit uns vorzubereiten“.

Unterdessen strömen von den Seitenstraßen immer mehr Menschen auf die Geschäftsmeile. Die Menschenmenge wirkt angespannt. Niemand weiß, was in den nächsten Stunden genau passieren wird. Noch aber wirkt alles unter Kontrolle, die Zyprioten wirken auch heute mehr nachdenklich und gefasst, als gewaltbereit.

Das Hilfspaket in Kürze

  • Anlegerschutz

    Im Gegensatz zur ursprünglichen Fassung der Abmachung von Mitte März werden Konten mit Guthaben von weniger als 100 000 Euro nicht angerührt. Die geplante generelle Zwangsabgabe auf Konten entfällt.

  • Endgültige Abmachung

    Sie soll im April stehen. Zuvor müssen nationale Parlamente wie in Deutschland noch zustimmen. Die ersten Auszahlungen aus dem europäischen Rettungsschirm ESM soll es dann im Mai geben.

  • Umfang

    Die Finanzhilfen der Geldgeber umfassen bis zu zehn Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds will sich beteiligen, eine Summe steht noch nicht fest. Im Gespräch ist rund eine Milliarde Euro.

  • Zyprische Banken

    Zypern sichert zu, sein aufgeblähtes Bankensystem zu sanieren und deutlich zu verkleinern. Die zweitgrößte Bank Laiki wird abgewickelt. Der Branchenprimus Bank of Cyprus wird zurechtgestutzt und übernimmt den überlebensfähigen Teil von Laiki.

Zur Beruhigung beigetragen haben könnte auch ein Hollywoodfilm-reifer Coup, der sich gestern Abend auf den Straßen der Hauptstadt abgespielte: Ein schwerbewachter Konvoi brachte vier Container gefüllt mit fünf Milliarden Euro Bargeld zur Zentralbank in Nikosia. Begleitet von Polizeihubschraubern und bewaffneten Sicherheitskräften war der 200 Meter lange Tross vom Flughafen Larnaka im Süd-Osten der Insel ins Landesinnere gefahren. Das hatte die Zeitung „Kathimerini“ gestern Abend als erste berichtet und Fotos des Einsatzes auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

  • 29.03.2013, 18:49 Uhrrolfnighthawk

    KLeine Beruhigung
    Wer kein Geld hat auf dem Konto,
    brauch sich um sein Vermögen keine Sorgen zu machen.

  • 29.03.2013, 09:08 Uhrnetshadow

    "Die Politik führt sich mit ihrer "Rettungsaktion" somit selbst ad absurdum"
    Zumindest zum Teil, stimme ich Ihnen da zu.
    Aber was ist bitte eine "Rettung"? Man sollte es auch so nennen wie es ist. Ein Land bekommt Kredite (keine Hilfen) um sein System weiter zu finanzieren, leider die Banken, von denen schon andere Leute die Gewinne längst abgeschöpft haben.
    Gerettet wird hier garnichts, es wird Geld für Zinsen verteilt, wie immer. Und will ein Land an diesem Tropf erstmal ernährt werden, muß es leider auch dessen Bedingungen erfüllen. Wie immer und wie jeder andere "Kleinbürger" auch.

  • 29.03.2013, 08:22 UhrErdbewohner

    Man kann die Diskussion vielleicht abkürzen: Wenn ein Währungssystem "gerettet" werden muss, dann wird mit dieser Formulierung bereits dokumentiert, dass es aus eigener Kraft nicht überlebensfähig ist. Die Politik führt sich mit ihrer "Rettungsaktion" somit selbst ad absurdum. Die Sache ist leider hoffnungslos, aber keineswegs "alternativlos" (:-)).

  • Die aktuellen Top-Themen
Trotz internationalem Protest: Iran richtet 26-jährige Frau hin

Iran richtet 26-jährige Frau hin

Trotz internationaler Appelle hat der Iran ein Todesurteil gegen eine 26-Jährige vollstreckt. Die Frau hatte einen Geheimdienstmitarbeiter erstochen. Der Mann hatte sie laut UN-Ermittlungen sexuell belästigt.

Arbeitsmarkt: Zahl der Minijobber steigt erheblich

Zahl der Minijobber steigt erheblich

Die Zahl der Minijobber hat sich in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt, die Grünen warnen vor der „Niedriglohnfalle“. Experten erwarten unterdessen eine eher verhaltene Entwicklung des Arbeitsmarktes.

Europa vs. USA: Uncle Sam macht's vor

Uncle Sam macht's vor

Bankenrettung, Stresstests, Geldschwemme: Die USA sind ihre wirtschaftlichen Probleme pragmatisch angegangen. Bisher funktioniert das zumindest auf dem Papier besser als in Europa. Was der alte Kontinent lernen kann.

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International