Wikileaks-Gründer in Haft
Die Jagd ist vorbei, doch der Kampf geht weiter

Wikileaks-Gründer Julian Assange hat die USA mit seinen Enthüllungen gedemütigt - und die Weltmacht schlägt zurück. Der Druck aus Washington wurde immer größer, etliche Internetdienstleister kündigten ihre Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks. Entnervt gab Assange auf. Doch die nächsten Geheimdokumente warten schon auf ihre Veröffentlichung.
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LONDON/NEW YORK/STOCKHOLM. Um Punkt 12.47 Uhr Ortszeit fährt die schwarze Limousine am Hintereingang des Londoner Amtsgerichts vor. Im Fond sitzt Julian Assange, dunkelblauer Anzug, weißes Hemd. Müde und angespannt sieht der Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks aus, als er das Gericht betritt. Wenige Stunden später wird es entscheiden, dass der 39-Jährige in Haft bleibt. Damit ist die Entscheidung vertagt, ob er nach Schweden wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung ausgeliefert wird.

Er hatte die Weltmacht USA erst gedemütigt und dann blamiert, als er mehrfach geheime US-Dokumente im Internet veröffentlichte. Lange ging es gut, doch der Druck aus Washington war immer größer geworden. Zahlreiche Finanz- und Internetdienstleister hatten die Geschäftsbeziehungen mit Wikileaks aufgekündigt. In Begleitung seiner Anwälte Mark Stephens und Jennifer Robinson erschien Assange am Morgen auf einer Polizeistation in der Londoner Innenstadt. Die amerikanischen Medien machen aus ihrer Freude darüber keinen Hehl: „Die Fahndung nach Julian Assange ist endlich vorbei“, triumphiert der Moderator des NBC-Frühstücksfernsehens „Today Show“. In den USA ist Assange geradezu verhasst. Viele halten ihn für einen Verräter, einen Terroristen. Dabei haben die US-Strafverfolger selbst nichts zur Verhaftung beigetragen. Der gebürtige Australier sei „entsprechend eines europäischen Haftbefehls“ festgenommen worden, teilte Scotland Yard mit.

Wie manch anderer berühmte oder berüchtigte Mann vor ihm stürzte Assange über sein Privatleben. Der hochgewachsene Internet-Aktivist mit der sonoren Stimme, der in Interviews kühl und distanziert wirkt, soll in Schweden zwei Frauen sexuell genötigt haben, wirft ihm die dortige Staatsanwaltschaft vor. Die Geschichte liest sich so abstrus, wie Assanges ganzes Leben einer Räuberpistole gleicht. Von früher Jugend an führt er ein Vagabundenleben, gerät als aufbegehrender Aktivist mit dem Staatsschutz in Konflikt, macht weiter, lässt sich nicht einschüchtern.

Dann das: Am Vorabend einer Veranstaltung in Stockholm in diesem Sommer trifft er sich, den Vorwürfen zufolge, erst mit einer der heutigen Klägerinnen, danach verbringt er eine Nacht mit der anderen. Beide Frauen erfahren angeblich durch Zufall voneinander und gehen gemeinsam zur Polizei. Vorwurf: Sie seien von Assange sexuell genötigt worden. Ein erster Haftbefehl wird ausgestellt – und wieder aufgehoben. Erst ein zweiter führt dann zur Verhaftung. Ein Komplott, behauptet Assange.

Vor seiner gestrigen Verhaftung irrt er quer durch den Südwesten von England, immer auf der Suche nach Unterschlupf bei Freunden oder Wikileaks-Unterstützern. Und er provoziert weiter, soll zuletzt noch einen Leitartikel für die australische Zeitung „The Australien“ geschrieben haben. Darin zitiert er den Medienmogul Rupert Murdoch, der einmal sagte: „Im Kampf zwischen Geheimnistuerei und der Wahrheit ist es unabwendbar, dass die Wahrheit stets siegen wird.“

Jetzt muss Assange erst einmal seine Auslieferung nach Schweden abwenden. Eine Freilassung auf Kaution ist bereits abgelehnt. Die Hängepartie geht weiter.

Weil Schweden wohl Assange kaum in die USA überstellen wird, versucht Washington nun, schnell eigene Anklagepunkte vorzubringen. Die US-Regierung ermittle gegen ihn unter anderem wegen Spionage-Verdachts, sagte US-Justizminister Eric Holder. „Ich persönlich habe eine Reihe von Schritten autorisiert – ein Zeichen dafür, wie ernst wir diese Angelegenheit nehmen.“ Mehr aber auch nicht. Der Frage, ob die US-Regierung Wikileaks abschalten wolle, weicht er aus: „Ich will nicht ins Detail gehen.“ Vielleicht ahnt er, dass er nur wenige Chancen hätte.

Die Organisation hat längst für eine Zeit ohne Assange vorgesorgt. Die Geheimdokumente liegen mittlerweile auf Hunderten Rechnern im Internet verstreut, sie haben ein Eigenleben entwickelt, das selbst von staatlichen Stellen nicht mehr zu stoppen ist. Sympathisanten und selbst Gegner Assanges wollen zumindest sein Vermächtnis weiterführen. Wikileaks soll weiterleben. Vielleicht ohne Assange, aber nicht ohne Macht.

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.
Astrid Dörner
Handelsblatt / Deskchefin Agenda
Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Wikileaks-Gründer in Haft: Die Jagd ist vorbei, doch der Kampf geht weiter"

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  • Es gibt im Augenblick wenig Geheimdokumente, das meiste ist "Klatsch", den man besser unter der Decke halten sollte. Aber gut, das sich "ausziehen" ist durch die Social-Medias iN geworden, also müssen sich auch die Politiker und Diplomaten mit etwas mehr Kreativität in ihrem von bürger finanzierten Arbeitsfeld bemühen.
    Wir selbst sind geschäftlich in aller Welt unterwegs und kämpfen ständig mit "Outen und Anpassen".
    Hilary Clinton hatte wohl den besten PR-berater bei der Aussage: "ich möchte eigentlich gar nicht wissen, was die anderen über mich sagen."

  • Die "Jagd" ist vorbei? Assange hatte sich noch vor der Ausreise aus Schweden bei der Staatsanwältin gemeldet, ob er denn ausreisen dürfe (Antwort: ja). in England haben seine Anwälte den behörden seinen Aufenthaltsort mitgeteilt.

    ich hatte die Statements über die Desinformation der Presse immer für Legende gehalten. Die derzeitige berichterstattung belehrt mich eines Gegenteils.

  • Sie exportieren nicht,
    sie wirtschaften nicht,
    sie haushalten nicht;
    und der liebe Gott ernährt sie doch.

    Mit welchen hohen idealen hat barrack Obama doch die Präsidentschaft in den USA angetreten. Was ist daraus geworden? Selbst wenn man Assenge ein Unrecht vorwerfen könnte, so sieht es momentan danach aus, dass die USA Unrecht mir Unrecht verfolgt. Wer will schon ernsthaft behaupten, dass die USA nicht hinter diesem Haftbefehl steckt? Es ist eine Tragig der Geschichte, dass ausgerechnet in England als Ursprungsland des Haftbefehls, in einem Land, in den die Menschenrechte maßgeblich ihren Ursprung haben, dieser zweifelhafte Haftbefehl vollstreckt wurde.

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