Wikileaks
Internet-Angriff auf die USA

Seehofer "unberechenbar", Merkel "selten kreativ" und risikoscheu - die Veröffentlichung geheimer Dokumente auf Wikileaks wird die Beziehungen der USA zu ihren Partnern erheblich verschlechtern, fürchtet Washington. Seit Tagen versuchen US-Diplomaten weltweit, den Schaden zu begrenzen.
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BERLIN. Die US-Regierung ist in Aufruhr. Sie befürchtet erheblichen diplomatischen Schaden durch die für gestern Nacht um 22.30 Uhr angekündigte Veröffentlichung von bis zu 2,8 Millionen Seiten geheimer Dokumente über das Internetportal "Wikileaks". Unmittelbar vor der Veröffentlichung behauptete Wikileaks, Ziel von Cyber-Attacken zu sein. Sie sehe sich einer gezielten Überschwemmung durch eine Unmenge von gleichzeitigen Anfragen ausgesetzt, ließ Wikileaks gestern Abend über "Twitter" verbreiten. Dadurch solle die Internetseite zum Zusammenbruch gebracht werden.

Die zur Veröffentlichung angekündigten und als geheim eingestuften Daten sollen ersten Hinweisen zufolge vertrauliche Mitteilungen der US-Botschaften aus der ganzen Welt enthalten. In diesem Schriftverkehr zwischen den Botschaften sowie inoffiziellen Auslandsvertretungen der USA und dem Außenministerium in Washington lassen die US-Diplomaten ihre ungeschminkten Einschätzungen ausländischer Regierungschefs und Regierungsmitglieder erkennen. So wird CSU-Chef Horst Seehofer als "unberechenbar" charakterisiert; Außenminister Guido Westerwelle (FDP) gar als "aggressiv". Auch Angela Merkel bleibt nicht verschont: Die Kanzlerin ist in den Augen der US-Diplomaten "selten kreativ" und meidet das Risiko. So jedenfalls war es gestern Abend noch vor der Veröffentlichung von Wikileaks im Internetdienst Twitter zu lesen.

USA versuchen Schadensbegrenzung

Weltweit versuchen US-Diplomaten seit Tagen, in direkten Gesprächen mit den Regierungen den Schaden vor der Veröffentlichung zu begrenzen. US-Außenministerin Hillary Clinton selbst habe die politischen Führungen zahlreicher Staaten über die absehbare Veröffentlichung vertraulicher Dokumente auf der Online-Plattform Wikileaks unterrichtet, so der US-Außenamtssprecher Philip Crowley. Konkret nannte er neben Deutschland Großbritannien, Frankreich, die Türkei, Afghanistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Unter Berufung auf Regierungskreise in London berichteten britische Zeitungen, die Dokumente beschäftigten sich konkret mit Persönlichkeiten wie dem früheren südafrikanischen Staatspräsidenten Nelson Mandela, Simbabwes Machthaber Robert Mugabe, Afghanistans Präsident Hamid Karsai, Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi und dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Vor allem über die Türkei seien von den US-Diplomaten besonders viele kritische Vermerke geschrieben worden, hieß es in diplomatischen Kreisen in Berlin.

Der US-Botschafter in Berlin, Philip Murphy, hat bereits Stellung zu den Indiskretionen bezogen: "Es lässt sich schwer sagen, welche Auswirkungen das haben wird. Es wird zumindest unangenehm sein - für meine Regierung, für diejenigen, die in unseren Berichten erwähnt werden, und für mich persönlich als amerikanischer Botschafter in Deutschland," schrieb Murphy in der "Bild am Sonntag".

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