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Winter in Afghanistan: Zum Krieg kommt die Kälte

Tausende Afghanen sind im eigenen Land vor der Gewalt geflohen. Nun erwartet sie der harte afghanische Winter. Doch ihre provisorischen Hütten bieten kaum Schutz gegen Eis und Schnee – vielen droht der Kältetod.

Mullah Faizullah schippt am 20.02.2012 im Charahi Qambar Flüchtlingslager in Kabul vor seiner Hütte Schnee. Quelle: dpa
Mullah Faizullah schippt am 20.02.2012 im Charahi Qambar Flüchtlingslager in Kabul vor seiner Hütte Schnee. Quelle: dpa

KabulDer Winter hat Kabul erreicht. In den Dutzenden Flüchtlingscamps der afghanischen Hauptstadt machen sich Angst und Verzweiflung breit. Schnee, eisiger Regen, Kälte und Hunger werden in den nächsten Monaten tägliche Begleiter sein. Im Slumviertel Charahi Kamber etwa leben 1150 Familien in selbst gebauten Hütten. Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge im eigenen Land, vertrieben von Gewalt und radikal-islamischen Aufständischen. Den Winter werden manche von ihnen nicht überleben.

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Einer dieser Vertriebenen ist Hadschi Dost Mohammed. Mit seinen zwei Frauen und 18 Kindern ist der 42-Jährige vor fünf Jahren aus der südlichen Provinz Helmand geflohen. Seitdem muss sich die Familie in Kabul durchschlagen. Umgerechnet etwas mehr als zwei Euro am Tag verdient er mit dem Verkauf von Obst. „Wir machen uns große Sorgen und wissen nicht, was wir tun sollen“, erzählt er. „Wir kämpfen wieder um unser Leben“, sagt Mohammed. „Jede Nacht ist ein Alptraum für mich. Ich habe große Angst vor dem Winter.“

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Insgesamt leben etwa 60.000 Menschen in den 55 Flüchtlingslagern in Kabul, die Hälfte davon Kinder. Mindestens 30 Menschen waren im vergangenen Winter in Afghanistan erfroren. Damals fielen die Temperaturen auf bis zu minus 17 Grad. Viele der Opfer waren Flüchtlingskinder. Hilfsorganisationen und die Regierung versprachen Hilfe, doch Missmanagement ließ diese bei vielen Bedürftigen nicht ankommen. In diesem Jahr werde es Verbesserungen geben, versprechen die Helfer. Mehr als zwei Millionen Afghanen sind nach Angaben des UN-Nothilfekoordinationsbüros OCHA von extremer Kälte bedroht.

„Die Menschen in den Camps sind am stärksten gefährdet“, sagt Magdalena Babul von der Deutschen Welthungerhilfe. „Am wichtigsten sind Kleidung, Decken und Material für Unterkünfte.“ Es fehlten Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen in den Lagern. Internationale Spenden blieben laut OCHA weit hinter dem Bedarf zurück. „Es herrscht allgemeine Spendenmüdigkeit“, beklagt OCHA-Koordinator Mark Bowden. „Mehr noch, es herrscht auch Afghanistan-Müdigkeit.“

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Seit vier Monaten lebt der 60 Jahre alte Khan Murad mit seiner Frau und den zwölf Kindern im Flüchtlingscamp Ada Masar. 92 Familien drängen sich in den Lehmhütten auf dem Privatgrundstück. Nach dem Winter müssen sie sich eine neue Bleibe suchen. „Wir haben kein Geld, keine Kleidung“, erzählt seine Frau, die 45-jährige Khodscha Gul. „In der Nacht ist es so kalt, dass wir nicht schlafen können. Wir verbrennen Plastikflaschen, Tüten, alte Reifen oder Schuhe, um uns und die Kinder zu wärmen“, sagt sie. Ihr Gesicht ist schwarz von Ruß und Schmutz.

Es gibt kein fließendes Wasser, als Toiletten dienen Löcher im Boden. Eltern schicken ihre Kinder auf die Straße zum Betteln oder um Autos zu waschen. „Ich versuche, ein paar Münzen zusammenzukratzen, damit ich Tee und Zucker kaufen kann“, sagt Gul. „Alles, was wir von der Regierung wollen, ist ein Platz, wo wir bleiben können. Dann können wir einen Weg finden zu überleben.“

 

  • 23.12.2012, 14:43 UhrThomas-Melber-Stuttgart

    Danach kommen übrigens Lawinenabgänge und Felsstürze und Hochwasser - wie dort schon seit Jahrhunderten.

  • 23.12.2012, 10:37 UhrNovaris

    Diesen Menschen sollte insbesondere von ihren reichen Glaubensbrüdern in den Ölstaaten geholfen werden oder darf Armen nicht geholfen werden, weil sie ihre Probleme selbst verschuldeten ???
    Auch bei der Flutkatastrophe in Pakistan waren muslimische Ölstaaten in den Spenderlisten nicht auf den ersten Plätzen zu finden.

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