Winteranfang
Flüchtlinge frieren in ihren Unterkünften

Der Winter naht – und noch immer wohnen viele Flüchtlinge in provisorischen Zelten. Während des Sommers mögen die genügt haben. Doch bei Wind, Regen und Nullgraden warnen einige bereits vor möglichen Todesfällen.

BerlinEr könne nachts nicht länger als eine Stunde im Zelt bleiben, sagt Hussein. Zu kalt sei es. Der 25-jährige Afghane lebt seit einem Monat in Hamburg. Er ist einer von 4000 Flüchtlingen, die dort in größtenteils unbeheizten Zelten schlafen. Die wurden aus Zeitnot im Sommer als Übergangslösung errichtet. Jetzt stehen die Zelte noch immer – und der Winter ist da.

Die 1,7 Millionen Einwohner zählende Hansestadt hat bislang rund 30.000 Flüchtlinge aufgenommen. In Hamburg und vielen anderen Orten mussten Neuankömmlinge zumindest vorübergehend in Zelten untergebracht werden. Angesichts der stark gefallenen Temperaturen sind nun winterfeste Quartiere nötig. Die ohnehin schon überlasteten Behörden müssen jetzt die nächste Notlösung für zehntausende Flüchtlinge bundesweit finden.

„Sie sagen, dass sie etwas tun werden, aber sie sagen uns nicht wann“, sagt Hussein, der seinen richtigen Namen nicht verraten will. „Vielleicht, wenn sich jeder in einen Eiszapfen verwandelt hat.“

Allein in den Einrichtungen der Bundesländer waren Anfang Oktober 42.000 von rund 305.000 Flüchtlingen in Zelten und zeltähnlichen Unterkünften untergebracht, wie eine Umfrage der Zeitung „Die Welt“ ergab. Hinzu kämen Zelte der Kommunen, über deren Anzahl die Bundesländer keine Angaben machen könnten.

Vor besonders großen Herausforderungen steht Hessen. Dort wohnten nach Angaben des hessischen Integrationsministeriums rund 6900 von 18.000 Flüchtlingen in Zelten – im Verhältnis zur Gesamtzahl der Flüchtlinge sei dies der höchste Anteil aller Bundesländer.

Nach Berichten leben aktuell nur in Thüringen und im Saarland alle Flüchtlinge in festen Unterkünften. In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein soll das laut „Bild“-Zeitung bis zum Ende des Monats der Fall sein. Beheizte Container sind kaum mehr zu bekommen, Kommunen widmen die letzten freien Turnhallen um oder weichen auf Holzbauten aus. In Hamburg werden zunächst Frauen und Kinder in solche Baracken umquartiert.

In Berlin rollen sich seit Tagen hunderte Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales notdürftig in Decken ein. „Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben“, warnte die Direktorin des Caritasverbandes, Ulrike Kostka, im „Tagesspiegel“. Zwar öffnete jüngst eine neue Registrierungsstelle – einen großen Unterschied macht das für den Berliner Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja, angesichts der Flüchtlingszahlen aber nicht. Berlin habe früher 1500 bis 2000 Flüchtlinge pro Jahr aufgenommen, „momentan ist das die Zahl derer, die jeden Tag ankommen“.

Eine Berliner Messehalle ist gerade erst zur Notaufnahmeeinrichtung umfunktioniert worden. Wo eigentlich im Januar die Landwirtschaftsmesse Grüne Woche öffnen soll, zwängen sich jetzt die Neuankömmlinge in notdürftig voneinander abgetrennte Etagenbetten. Wann in der Hauptstadt alle Flüchtlinge in festen – und warmen – Unterkünften schlafen können, ist ungewiss.

In Sachsen betreut das Rote Kreuz 10.000 Flüchtlinge und beklagt, dass unbeheizte Zelte zu Gesundheitsproblemen geführt hätten. „Die Menschen sind aufgrund der Kälte krank geworden“, sagt ein Sprecher. „Wir haben alle Schlafsäcke und Decken verteilt, die wir haben, aber das hat nicht gereicht.“ Für den Augenblick beheizt das Rote Kreuz nach eigenen Angaben zwar alle Zelte in seiner Obhut mithilfe von Generatoren. Doch es kann nicht ausschließen, aufs Neue Flüchtlinge in unbeheizte Unterkünfte schicken zu müssen.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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