Wirbelsturm "Katrina"
Aufräumen für das "Grand Design"

Als der Wirbelsturm New Orleans heimsuchte, betete Erzbischof Philip Hannon – und er predigte den Bürgern seiner Stadt ins Gewissen: „Ich sagte, sie sollten Liebe zeigen und füreinander Respekt. Sie sollten stark sein und resolut.“

HB NEW ORLEANS. New Orleans sollte sich endlich läutern, besser werden, gut sein. Drei Monate später scheint es, dass die Gebete und Predigten des 92-Jährigen erhört werden.

Viele Male stand Hannon auf der Kanzel der Kapelle von St. Bernard in den Tagen der Not, als „Katrina“ Ende August mit Fluten aus dem Golf von Mexiko die Jazz-Metropole in ein biblisches Desaster stürzte. Das Gotteshaus liegt in einem der am schlimmsten betroffenen Viertel von New Orleans. „New Orleans ist heute eine andere Stadt“, sagt Hannon. Bei allem Leid ist der Gottesmann deshalb mit dem Werk der Natur auch zufrieden: „Die Menschen denken wieder gut voneinander.“

Das grenzt an ein Wunder. Denn das eigentliche New Orleans, das der Tourist im Karree zwischen Canal-Street und Bourbon-Street nie zu Gesicht bekam, das bestand aus Korruption und Drogen, aus Mord und Diebstahl, Vetternwirtschaft und sozialem Abstieg. Außerhalb des French Quarter mit seinen eleganten, schmiedeeisernen Balkonen war die Welt längst nicht so in Ordnung, wie es der nachlässige Charme der Jazz- und Blueskneipen vorgaukelte.

New Orleans war eine Stadt voller Vergangenheit, aber ohne Zukunft, in der ehrenwerte Unternehmer kaum noch investieren mochten. „Wer das meiste Geld über den Tisch schob, der bekam den Auftrag“, sagt Creed Brierre, Präsident des Architekturbüros Mathis-Group in New Orleans. „Wer als Unternehmer etwas auf sich hielt, der machte um New Orleans einen Bogen“ – einen Bogen um das in Jahrzehnten gewucherte Netz aus Eine-Hand-wäscht-die-andere-Gefälligkeiten, Abhängigkeiten und organisierter Misswirtschaft.

Mit Katrina soll eine neue Zeitrechnung beginnen in der Stadt des „Mardi Gras“, des sinnenfrohen Karnevalsdienstags, des größten Feiertags der Stadt. Ein „Grand Design“ soll aus dem Schutt erwachsen, der sich in weiten Teilen der Stadt auch drei Monate nach dem Desaster noch türmt. Eine Studie des Urban Land Institutes, das auch New York nach den Terrorattacken Vorschläge machte, hat die Messlatte gesetzt: Nicht alles, was der Sturm vernichtete, solle wieder aufgebaut werden. Uptown und French Quarter schon, aber Midtown New Orleans nur Schritt für Schritt, vielleicht mit ein paar Grünanlagen dort, wo der Hurrikan besonders wütete. Die dritte Zone, die Katrina regelrecht absaufen ließ, weil sie deutlich unter dem Meeresspiegel liegt, solle hingegen in großzügige Parks umgewandelt werden. Hausbesitzer seien zu entschädigen. Ganze Wohnviertel würden verschwinden.

Das ist radikal, aber es findet großen Anklang bei jenen, die nun die Chance ergreifen wollen, New Orleans von Grund auf zu verändern. Einer von ihnen ist Boysie Bollinger, Chef der gleichnamigen Schiffswerft, einer der wichtigsten Unternehmer der Stadt. „Der Charakter der Stadt wird sich wandeln“, sagt er, „und zwar zum Besseren.“ Bollinger ist Mitglied einer 16-köpfigen Kommission, die im Auftrag von Bürgermeister Ray Nagin New Orleans’ Zukunft entwickeln soll.

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