
PEKING. "Sehen Sie mal, da unten, die Satellitenschüssel ist noch ziemlich neu." Der britische Banker im dunklen Anzug steht an der Fensterfront seines Hongkonger Büros und zeigt in die Tiefe. Von seinem Arbeitsplatz im 48. Stock sieht das Government House, der Amtssitz des Hongkonger Verwaltungschefs Donald Tsang, wie ein Spielzeugschloss aus. Doch der große Empfänger in dem parkähnlichen Garten ist nicht zu übersehen. "Das ist jetzt der direkte Draht nach Peking", sagt der Banker sarkastisch. "Früher gab es sowas nicht."
Längst sorgt sich in Hongkong nicht mehr nur die stets aktive Demokratiebewegung über den wachsenden Einfluss Pekings. Vor allem bei ausländischen Geschäftsleuten wird genau verfolgt, welchen Kurs der "Duftende Hafen" unter chinesischer Flagge nimmt. Seitdem Hongkong 1997 von den Briten an die Volksrepublik China zurückgegeben wurde, habe der Standort zwar nicht an Attraktivität und Internationalität verloren, heißt es meist. Doch wer schon lange in der Stadt lebt, spürt die feinen Unterschiede.
Hans Michael Jebsen etwa, Chef des alteingesessenen Handelshauses Jebsen & Co, das von hier aus den Riesenmarkt China bedient. In seiner holzgetäfelten Büroetage im 19. Stock, die mit den alten Ölgemälden von Segelschiffen eher an ein Hamburger Hafenkontor erinnert, hat er einen guten Überblick über die Stadt. "Die Bindung an das chinesische Mutterland ist sehr viel stärker geworden", lautet sein Fazit.
So sind inzwischen Soldaten der Volksbefreiungsarmee auf Schiffen dabei, die unter Hongkonger Flagge fahren, wird mehr Chinesischunterricht an den Schulen der Stadt geboten und weht die China-Flagge ebenso selbstverständlich auf dem Mandarin Oriental Hotel wie vor der Hongkonger Börse. Vor allem Donald Tsang gilt als hörige Marionette Pekings. Denn unter ihm wurde die Einführung allgemeiner Wahlen auf Druck Pekings auf frühestens 2017 verschoben.
Das wollen fünf Hongkonger Abgeordnete nicht mehr hinnehmen. Sie fordern nun Peking heraus: Die Volksvertreter, jeder aus einem der fünf Wahlkreise der Stadt, haben ihr Mandat niedergelegt und wollen die notwendigen Nachwahlen im Mai nun als Referendum über eine raschere Umsetzung demokratischer Reformen nutzen. Letztlich geht es dabei um mehr: Für oder gegen Peking.
Hongkong steht vor Machtprobe
Dass es dazu kommen konnte und die Aktion nicht eine lokale Politposse blieb, hat sich Peking selbst zuzuschreiben. Denn erst die harsche Reaktion von dort sorgte für politisches Gewicht. Chinas Führung wetterte, die Nachwahlen sollten boykottiert werden. Ein Referendum verstoße gegen die Verfassung und sei "illegal". Für Peking sei Hongkong ein Reizthema, meint Johnny Lau, bekannter China-Kommentator in der Stadt: "Wir sollten niemals den Einfluss der Hongkonger Demokratiebewegung auf andere Teile Chinas unterschätzen."
Dabei ist die Rücktrittsaktion selbst innerhalb der demokratischen Bewegung umstritten, denn sie kann am Ende den Einfluss der Peking-Kritiker durchaus schwächen. Ob dies dem wichtigen Finanzstandort dienlich sei, bezweifeln Beobachter. "Peking wird nun noch genauer auf die politischen Entwicklungen in der Stadt achten und sich zunehmend einmischen", meint James Sung, Politik-Forscher der City University.
Doch die Vorschläge vom Mutterland kommen in Hongkong nicht unbedingt an. Der Aufruf zum Wahlboykott sei schon "sehr eigenartig", meint Professor Ma Ngok von der Chinese University. Und wenn Peking rät, wie erst kürzlich geschehen, Hongkong solle sein Rechtssystem doch einfach der Regierung unterstellen, schrillen nicht nur bei den Hongkongern, sondern auch bei ausländischen Firmen die Alarmglocken. "Sowas eckt hier natürlich an", sagt auch Jürgen Kracht, Chef der Unternehmensberatung Fiducia. Zwar sieht der Deutsche, der seit Jahrzehnten Mittelständlern beim Zugang zum chinesischen Markt hilft, Hongkong als das Sprungbrett in Asien nicht wirklich gefährdet. Aber auch Kracht hat eine wachsende Kluft zwischen dem immer stärker auftrumpfenden Peking und der schwachen Führung in Hongkong ausgemacht: "Die Leute sind schon verunsichert."
Dabei boomt die Stadt. Und gerade Chinas Konjunkturprogramm hat geholfen, dass die jüngste Krise in Hongkong schon abgehakt ist. Die Wachstumszahlen sind wieder relativ gut, ein noch vor zwei Monaten vorausgesagtes Etatdefizit scheint abgewendet. Doch der Stadt drohe bald der Blues, meint Michael DeGolyer, Professor an der Baptist University. "Ich glaube, wir werden noch viel mehr Frust erleben", sagt er. In den vergangenen Monaten hat sich in der Stadt bereits ungewohnt aggressiver Protest formiert. Für Randale sorgte etwa der Plan der Regierung, eine Zugverbindung von Hongkong nach Guangzhou, der Hauptstadt der benachbarten Provinz Guangdong, zu bauen. Die Strecke für 8,6 Mrd. Dollar sei nicht nur viel zu teuer, wettern Kritiker. Damit wolle Peking vor allem eines erreichen: Hongkong noch enger "an die Kette Chinas" legen.
Eine bahnverbindung nach Guangzhou gibt es schon seit vielen Jahren.bin bereits 1993 selbst mit dem Zug von Hongkong aus(Kowloon)dorthin gefahren.Mit Verlaub,glaubt man wirklich das ein stärker werdender Einfluss seitens Peking auf den duftenden Hafen im Laufe der nächsten Dekaden verhindert werden kann ?
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