Wirtschaftsgebiet Tianjin Binhai
China testet die Marktwirtschaft

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Die chinesische Währung Yuan wird frei gehandelt, Banken bieten vielfältige Finanzprodukte an, und Bauern werden angemessen entschädigt, wenn sie ihr Land abtreten müssen.

HB TIANJIN. Was China-Beobachtern als Träumerei anmuten mag, wird nach den Plänen der kommunistischen Regierung schon bald Wirklichkeit - zumindest für ein gut 2000 Quadratkilometer großes Gebiet südöstlich der Hauptstadt Peking. Dort soll nach einer Kabinettsentscheidung eine so genannte „Experimentierzone für umfassende Reformen“ eingerichtet werden - Marktwirtschaft pur also, mitten im sonst stark regulierten China.

Für die Regierung sind die Reformen ein Testlauf für das ganze Land. Das Wirtschaftsgebiet namens Tianjin Binhai solle als Pilotprojekt dienen und China Erfahrung im Experimentieren mit Marktreformen einbringen, bevor diese auf andere Landesteile übertragen würden, sagt Wang Qing, Volkswirt bei der Bank of America in Hongkong. „Das ist das typische Markenzeichen der chinesischen Politik und chinesischer Reformen.“

Die Regierung in Peking erhofft sich von dem Projekt auch eine Katalysatorwirkung für den gesamten weniger entwickelten Norden. Dafür ist sie bereit, großzügige Reformen zuzulassen und mit Investitionen zu helfen. So soll in dem Gebiet Chinas erster Aktienfonds mit einem Volumen von 2,5 Mrd. Dollar an den Start gehen. Im Kern will die Regierung mit dem Projekt den Weg zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum aufzeigen, bei dem Einkommensungleichheiten sowie die Umweltproblematik gleichermaßen berücksichtigt werden. „Der Weg wurde bislang noch nicht beschritten“, sagt Wang Kai, Chef der Politik-Forschungsabteilung der Experimentierzone. „Wir werden mit jedem neuen Schritt, den wir gehen, Neuland betreten und den weiteren Weg damit bestimmen.“

Postanschrift: Wohlfahrtstraße

Ein ähnliches Projekt wie das nun geplante in Tianjin Binhai gibt es in China bislang nur einmal und zwar in der Wirtschafts- und Finanzmetropole Schanghai. Tianjin wird aber in etwa vier Mal so groß ausfallen wie das futuristische Pudong bei Schanghai. In Konkurrenz zueinander sollen die beiden Projekt nicht treten. In der Gegend rund 200 Kilometer von Peking entfernt haben sich unter den geltenden chinesischen Regeln bereits zahlreiche große Firmen verschiedenster Branchen angesiedelt: Motorola hat 2005 dort fast neun Mill. Handys und andere Teile produziert. Auch Autobauer Toyota oder Pharmakonzern GlaxoSmithKline sind mit der Produktion vor Ort. Airbus hat jüngst angekündigt, in Binhai den A320 zu montieren.

Die Straßennamen in Tianjin Binhai zeugen von den Ambitionen der Organisatoren: An einer Kreuzung trifft die „Straße der Wohlfahrt“ auf die „Straße des Ehrgeizes“. Die Verantwortlichen haben denn auch große Erwartungen. Binnen zehn Jahren soll das Gebiet zwei bis 2,5 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung ausmachen. Derzeit ist es weniger als ein Prozent. Pi Qiansheng, einer der Verantwortlichen, setzt darauf, dass das Projekt auch für weitere ausländische Investoren sehr attraktiv wird. So wird über einen Zeitraum von fünf Jahren mit Mittelzuflüssen aus dem Ausland in Höhe von vier Mrd. Dollar jährlich gerechnet. In der Region leben derzeit rund 1,4 Mill. Chinesen.

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