Wirtschaftskraft
Griechenland hat kaum etwas zu verkaufen

Das eigentliche Problem der Griechen sind nicht die enormen Staatsschulden: Das Hauptproblem ist die griechische Wirtschaft. Das liegt daran, dass das Land kaum etwas zu verkaufen hat, was im Ausland gefragt ist.
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AthenEs war ein Auftrieb wie für einen Staatspräsidenten: Zehn Kamerateams und mehr als 50 Journalisten drängten sich in dem Konferenzraum in der Athener Repräsentanz der EU-Kommission. All die Aufmerksamkeit galt einem 66-jährigen Brüsseler Beamten im grauen Anzug – Horst Reichenbach, dem Leiter der EU-Taskforce, die der griechischen Regierung bei der Umsetzung ihrer Reformpläne helfen soll.

Und es ging gleich zur Sache: Ob es stimme, dass griechische Minister künftig jede Entscheidung Reichenbach zum Gegenzeichnen vorlegen müssten, lautete die erste Frage. Obwohl Reichenbach versicherte, dass das Unsinn sei, rief ein erregter Kollege in den Saal: „Wie fühlen Sie sich denn so als Gauleiter?“ Reichenbach blieb äußerlich ruhig: „Ich habe den größten Teil meines Arbeitslebens im Ausland verbracht. Solche Vergleiche mit früheren Zuständen in Deutschland sind außerhalb meines Verständnisses.“

Die Szene zeigt, wie blank die Nerven in Griechenland liegen. Gerüchte machen die Runde, sie drehen sich um einen bevorstehenden Sturm auf die Banken oder eben um die Übernahme der Regierung durch die EU. „Wir bewegen uns auf sehr dünnem Eis“, sagt Manos Matsaganis, Wirtschaftsprofessor an der Athener Universität. „Viele Griechen begrüßen es, dass EU und Internationaler Währungsfonds den Spielraum der Regierung einschränken, aber andere hätten es wohl immer noch lieber, wir würden Geld ohne Auflagen kriegen, das wir dann wie üblich verschwenden dürften.“

Matsaganis ist bitter geworden, weil er viele Jahre ohnmächtig ansehen musste, wie eine korrupte Elite das Land in den Untergang führte. „Mir tun Leute wie Reichenbach leid, die den Schlamassel aufräumen sollen, den wir angerichtet haben“, sagt er.

Die enormen Staatsschulden von 160 Prozent der Wirtschaftsleistung, die der jetzt beschlossene Schuldenschnitt bis 2020 auf 120 Prozent reduzieren soll, sind aber nur ein Symptom der strukturellen Probleme des Landes. Das wird jedem klar, der durch dieses Land reist und mit Unternehmern, Politikern und Ökonomen, Künstlern, Forschern und Arbeitslosen spricht. Die Probleme sind nicht in ein paar Jahren zu lösen, wahrscheinlich wird es Jahrzehnte dauern.

Griechenland fehlt ein Geschäftsmodell. Wie sehr, belegt der Vergleich mit einer starken Volkswirtschaft wie der deutschen. Griechenland exportiert Waren im Wert von rund sieben Prozent seiner Wirtschaftsleistung, in Deutschland sind es knapp 40 Prozent.

Das liegt daran, dass das Land kaum etwas zu verkaufen hat, was im Ausland gefragt ist. Die Hauptexportgüter nach Deutschland sind Lebensmittel, Kleidung und – immerhin - Medikamente.

„Der Beitritt zur EU war ein großer Schub für die griechische Wirtschaft“, sagt Ökonomieprofessor Nikolaos Vettas. „Aber da die Regierung keinerlei Industriepolitik betrieb, führte das dazu, dass wir alles importierten, statt es selbst herzustellen.“

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Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich überall

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  • Ich stelle mir vor, der Nachbarjunge hat mit meiner Kreditkarte eine Einkaufstour unternommen. Ich nehme sie ihm ab, der aber beschimpft mich als Nazi und Gauleiter. Da würde ich sehr konsequent werden und jede Gemeinsamkeit mit ihm vermeiden. Wo bleibt hier der gesund Menschenverstand?

  • Wenn Sie Griechenland durch "Ungarn" ersetzen, dort spielt sich genau das gleiche Trauerspiel ab. Die haben Gottseidank jedoch keinen Euro. Wenn die EU nur Geld und nicht Hirn und strikte Kontrolle schickt, dann ist alle Mühe und jeder Euro für die Katz.

  • Kurzum: In Hellas herrschte kein "Wachstum", sondern "Konsum" auf Pump. Zur Freude griechischer Kleptokraten, korrputer Politker sowie ihrer hiesigen Pendants, lohndumpenden Exportindustrieller und sich satt provisionierenden Bankern. Kurzum: Seinen Protagonisten nutzte der Euro - der Rest bezahlt nun auf Jahrzehte – wahrscheinlich ewiig - die Rechnungen dieser Schenkungspolitik – einschließlich einträglicher Zinsen an die Banken. Laut Text dauern die strukurelle Defizite noch Jahrzehnte an.

    Dass wir uns in Südeuropa lauter Konsumbuden auf Nevercomeback-Pump einrichten mag vielleicht Export-Industriellen, ihren Hauptanteilseignern sowie ihren Finanziers aus der Kreditwirtschaft entgegen kommen – denn Ihnen ist letztlich scheißegal wer für die Rechnungen am Ende aufkommt - doch glaube ich kaum, dass sich die Masse der Bundesbürger so den Seegen der Eurozone vorgestellt hat.

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