Wirtschaftskrise
Griechen wachsen die Schulden über den Kopf

Die Probleme der griechischen Wirtschaft sind unübersehbar: Bürokratie, Korruption und schwache Produktivität verhindern das Wachstum. Im europäischen Vergleich ist Griechenland so hoch verschuldet wie kaum ein anderer Mitgliedsstaat. Schlägt jetzt die Wirtschaftskrise voll zu, könnten die Griechen in noch größere Schwierigkeiten geraten.

ATHEN. Griechenland kämpft bei der Finanzierung seiner Staatsschulden mit wachsendem Misstrauen der Finanzmärkte. Griechische Staatsanleihen werden zurzeit mit starken Kursabschlägen gehandelt. Dadurch stieg die Rendite des zehnjährigen Bonds am vergangenen Freitag auf 172 Basispunkte über die Effektivverzinsung der vergleichbaren Bundesanleihe. Bei den fünfjährigen griechischen Bonds betrug die Differenz zum Bund sogar 196 Basispunkte. Das bedeutet: der griechische Wirtschafts- und Finanzminister Giorgos Alogoskoufis muss für Kredite zurzeit fast zwei Prozent mehr bezahlen als sein deutscher Kollege. Die großen Spreads signalisieren zunehmende Zweifel an der Bonität des Schuldners Griechenland. Die Risikozuschläge verteuern für den Athener Finanzminister die Refinanzierung fälliger Staatsanleihen und zwingen ihn, noch mehr Schulden zu machen – ein Teufelskreis.

Das Auseinanderlaufen der Zinsen zeigt, dass die Eurozone von den Finanzmärkten nicht mehr als geschlossenes Währungsgebiet wahrgenommen wird. In der Finanzkrise treten die strukturellen Schwächen einzelner Volkswirtschaften in den Vordergrund. Dazu gehören im Fall Griechenlands hohe Budgetdefizite und eine extremer Staatsverschuldung. Griechenland hat seit dem Beitritt zur Eurozone erst in einem einzigen Haushaltsjahr, nämlich 2006, die Vorgaben des Stabilitätspaktes erfüllt. Der Schuldenstand liegt bei fast 95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In der EU ist nur Italien mit 104 Prozent vom BIP noch höher verschuldet. Zwar ging die griechische Schuldenquote, die 2004 noch 110 Prozent betrug, in den vergangenen Jahren etwas zurück. Das ist aber vor allem Ergebnis eines Rechentricks: 2007 revidierte Alogoskoufis die Berechnungsmethode für das BIP. Schattenwirtschaftsaktivitäten wie Prostitution, Geldwäsche und Zigarettenschmuggel flossen in die Berechnung ein. Dadurch erhöhte sich die statistisch erfasste Wirtschaftsleistung um fast zehn Prozent. Entsprechend gingen Defizit- und Schuldenquoten zurück.

An den Strukturproblemen der griechischen Wirtschaft hat sich indessen wenig geändert. Die niedrige Produktivität, eine wuchernde Bürokratie, der unflexible Arbeitsmarkt, die grassierende Korruption sowie das komplizierte Steuerrecht verschrecken ausländische Investoren und lassen das Leistungsbilanzdefizit wachsen. Es dürfte in diesem Jahr rund zwölf Prozent vom BIP erreichen. Auch die Defizite der Staatsunternehmen werden zu einer immer größeren Belastung für die Kreditwürdigkeit des Landes. Die Fluggesellschaft Olympic Airways fliegt pro Tag rund eine Mio. Euro Miese ein. Die Staatsbahnen OSE werden dieses Jahr sogar rund 800 Mio. Verlust erwirtschaften. Das Unternehmen erzielte vergangenes Jahr Einnahmen von mageren 106 Mio. Euro. Allein für Kreditzinsen musste die mit über sieben Mrd. Euro verschuldete OSE aber 360 Mio. zahlen.

Bis Weihnachten soll das Parlament den Haushaltsplan 2009 verabschieden – ein Zahlenwerk mit vielen Fragezeichen. So erwartet der Finanzminister Steuermehreinnahmen von zwölf Prozent – eine sehr optimistische Annahme. Während Alogoskoufis trotz der Krise für 2009 ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent unterstellt, gehen viele unabhängige Volkswirte von weniger als zwei Prozent aus. Damit ist fraglich, ob Alogoskoufis sein Ziel erreicht, im nächsten Jahr die Defizitquote unter drei Prozent zu drücken. Zumal auch beim Schuldendienst böse Überraschungen drohen: für die Deckung des Haushaltsdefizits und die Refinanzierung fälliger Staatsschulden muss der Finanzminister im kommenden Jahr mindestens 43 Mrd. Euro aufbringen. Der Betrag könnte noch erheblich steigen, wenn es bei den großen Spreads bleibt.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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