Wirtschaftskrise
Krise trifft Baltikum mit voller Wucht

Die internationale Finanzkrise hat allen früheren Beteuerungen der Regierungen zum Trotz sichtbare Spuren in den baltischen Staaten hinterlassen. In Estland, Lettland und selbst in dem bislang besser gestellten Litauen wird eine Abwertung der Währungen nicht mehr ausgeschlossen.

STOCKHOLM. Alle drei Länder kämpften bereits vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise mit einer Vollbremsung ihrer Volkswirtschaften. Waren die drei baltischen Republiken in den vergangenen Jahren noch die Wachstumsspitzenreiter der Europäischen Union mit teilweise zweistelligen Raten, bilden sie jetzt das Schlusslicht: Lettlands Wirtschaft ist im dritten Quartal dieses Jahres um ganze 4,2 Prozent geschrumpft, der tiefsten Rezession sämtlicher 27 EU-Länder. Auch Estland kämpft mit einem Minus von 3,3 Prozent. Allein Litauen steht noch mit einem Wachstum von vier bis fünf Prozent relativ gut da. Doch auch hier warnen Experten vor einer schnellen Vollbremsung der Wirtschaft, die stark vom Export in das ebenfalls angeschlagene Russland abhängig ist.

Alle drei Länder haben ihre Währungen indirekt an den Euro gebunden, den sie am liebsten bereits in drei Jahren selbst einführen wollen. Bislang war die zweistellige Inflationsrate das Hindernis für den Beitritt zur Währungsunion. Jetzt drohen neue, nachhaltige Verzögerungen: Denn Abwertungen der estnischen Krone und des lettischen Lats sind nicht mehr ausgeschlossen, obwohl die Verantwortlichen in den Zentralbanken in Tallinn und Riga diese Gedankenspiele weit von sich weisen und von "einem unrealistischen Szenario" sprechen. Doch die Experten der Bank of America glauben, dass die drei Länder möglicherweise bereits 2009 diesen Schritt unternehmen müssen, um die Rezession in den Griff zu bekommen.

Gegen eine Abwertung spricht allerdings, dass viele Esten und Letten während der wirtschaftlichen Boomphase ihre Immobilienkredite in Euro aufgenommen haben. Bei einer Abwertung der einheimischen Währung und gleichzeitigen erwarteten Lohnsenkungen wären viele Menschen nicht mehr in der Lage, ihre Hypotheken abzubezahlen. Und ein Beitritt zur Euro-Zone wäre in weite Zukunft gerückt.

Wie ernst die Lage ist, zeigen die Ende vergangener Woche aufgenommenen Verhandlungen der lettischen Regierung mit der Europäischen Kommission über die Möglichkeit einer Finanzspritze. "Wir brauchen das Geld nicht jetzt, wollen aber auf alle Eventualitäten vorbereitet sein", erklärte ein Regierungssprecher in Riga. Aus Brüssel kamen positive Signale, man werde "ziemlich bald" eine Entscheidung treffen können, hieß es aus Kommissionskreisen.

An den Finanzmärkten glaubt man schon jetzt, dass nach Island, Ungarn und der Ukraine zumindest Estland und Lettland die nächsten Opfer der Finanzkrise sein können. Die fragwürdigen Prämien für Versicherungen gegen Kreditausfälle, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), sind für Lettland in den vergangenen Monaten deutlich stärker gestiegen als für Island, das von einem Staatsbankrott bedroht war. Und wer Estland einen Kredit geben will, musste im vergangenen Monat neun Prozent der Kreditsumme als Risikoprämie für eine Ausfallversicherung zahlen. Für einen Kredit an Ungarn, dem der Internationale Währungsfonds gerade ein Milliardendarlehen gegeben hat, betrug der Risikoaufschlag zum selben Zeitpunkt nur sechs Prozent.

Die Wirtschaftskrise hat tiefere Spuren und vor allem schnellere Auswirkungen auf die drei kleinen EU-Länder gehabt, als die meisten Experten vorhergesehen hatten. Das erste richtig ernste Warnsignal kam vor einer Woche, als die lettische Regierung überraschend mit der Parex Bank den zweitgrößten Finanzdienstleister des Landes unter staatliche Kontrolle stellte. Die Bank war in akute Zahlungsschwierigkeiten geraten, nachdem in den Tagen zuvor tausende besorgte Sparer in Lettland ihre Konten leer geräumt hatten.

Zwar betonte Zentralbankchef Ilmars Rimisevics, es handele sich bei der Parex Bank um einen "Einzelfall", doch einige Experten wie die Analysten der Ratingagentur Moody's sind sich da nicht mehr so sicher und sehen mehrere der 24 weiteren, sehr kleinen Banken in der Gefahrenzone. Die Marktführer auf dem baltischen Bankenmarkt, die schwedischen Konzerne Swedbank und SEB, werden die wachsenden Kreditausfälle aus eigener Kraft bewältigen können, doch für die kleinen Banken dürfte das nach Meinung von Analysten schwer werden.

Die Regierungen in den baltischen Ländern bereiten derzeit ihre Bürger auf ein schwieriges kommendes Jahr vor und haben bereits gewaltige Ausgabenkürzungen angekündigt. Nach Lohnsteigerungen von bis zu 30 Prozent im vergangenen Jahr drohen gewaltige Lohnkürzungen. Einziger Lichtblick in den düsteren Zukunftsszenarien, die auch ein weiteres Schrumpfen der Wirtschaften 2009 um rund vier Prozent beinhalten: Die rekordhohen Inflationsraten von deutlich über zehn Prozent sinken. Und auch die hohen Leistungsbilanzdefizite, unter denen alle drei Länder gelitten haben, nehmen ab.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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