Wirtschaftskrise
Russland verpulvert seine Reserven

Trotz umfangreicher Konjunkturpakete ist Russlands Industrieproduktion eingebrochen. Die Regierung in Moskau muss erstmals seit Jahren wieder Schulden aufnehmen. Auch den Unternehmen geht langsam das Geld aus. Dass die Krise Russland besonders hart trifft, ist kein Zufall.

MOSKAU. Die russische Regierung hat das laufende Jahr bereits abgeschrieben. "Wir haben allen Grund anzunehmen, dass der Motor unserer Wirtschaft im Laufe des nächsten Jahres wieder anspringen wird", verkündete Premier Wladimir Putin in den Abendnachrichten - und das war noch als Beruhigungspille für das Wahlvolk gedacht. Hinter den Kremlmauern macht sich Katastrophenstimmung breit, die aktuellen Wirtschaftsdaten sind dramatisch.

Zum Wochenbeginn legte Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina Zahlen für das erste Halbjahr vor. Demnach brach die Wirtschaftsleistung in diesem Zeitraum um 10,2 Prozent ein, die Exporte halbierten sich nahezu. Im gesamten Jahr, so die Prognose, sei mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von bis zu 8,5 Prozent zu rechnen.

Dies hat zur Folge, dass die Regierung zum ersten Mal seit Jahren wieder Schulden machen muss. Umgerechnet 76 Mrd. Dollar hat die Regierung für ein Konjunkturprogramm bereitgestellt, wovon vor allem die Auto-, Agrar- und Bauindustrie profitieren sollen. Das Wirtschaftsministerium rechnet nach einem Etat-Minus von 7,4 Prozent in diesem Jahr für 2010 erneut mit einem Haushaltsdefizit von 6,5 Prozent. "Russland geht das Geld aus", sagt der Ökonom Jewgenij Gontmacher vom kremlnahen "Institute of Contemporary Development". Nach seinen Berechnungen wird der in guten Zeiten angefüllte Stabilitätsfonds, über den in diesem Jahr noch ein Fehlbetrag von 67 Mrd. Euro ausgeglichen werden konnte, spätestens Mitte 2010 aufgebracht sein.

Dabei schien es im Frühjahr, als stabilisiere sich die Lage allmählich. Nach milliardenschweren Interventionen der Zentralbank konnte der Rubel stabil gehalten werden, die Börsen erlebten einen Höhenflug wie seit Mai 2008 nicht mehr, Kapital floss kaum noch ins Ausland ab, die Zentralbank konnte ihr Devisenpolster um ein paar Milliarden Dollar aufstocken. Zur Überraschung aller Experten brach die Industrieproduktion im Mai dennoch um 17,1 Prozent ein - einhergehend mit Entlassungen, Lohnkürzungen und Firmenpleiten. In der Realwirtschaft ist von Entspannung keine Spur.

Eine ganze Reihe negativer Faktoren zieht die Konjunktur nach unten: Die Exporte liegen wegen der weltweiten Flaute brach. Der Binnenkonsum - bis zur Krise neben dem Rohstoffhandel die wichtigste ökonomische Stütze für Russland - ist deutlich eingebrochen, zumal sich flächendeckende Gehaltseinbußen im Geldbeutel der Verbraucher bemerkbar machen.

Vor allem verzichten Unternehmen gänzlich auf Investitionen, da Kredite nur zu exorbitant hohen Zinssätzen von mehr als 20 Prozent zu bekommen sind. Obwohl die Regierung mehrere Hundert Milliarden Dollar in den Finanzsektor gepumpt hat und die Leitzinsen in Russland im laufenden Jahr schon viermal gesenkt wurden, knausern die meisten Banker mit Krediten - insbesondere für private Unternehmen und Verbraucher. "Praktisch alle Betriebe müssen derzeit ohne Kredite wirtschaften", sagt Natalia Orlowa, Chefökonomin der Alfa-Bank. Unter diesen Bedingungen könne so bald kein Wachstum generiert werden. "Wir rechnen mit einer Stagnationsphase, die bis zu fünf Jahre andauern wird."

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