Wirtschaftsnobelpreis für Angus Deaton
„Meine Güte, ich war ganz schön verschlafen“

Wie verteilen Konsumenten ihre Ausgaben? Wie messen wir Wohlstand und Armut? Ökonom Angus Deaton kennt Antworten. Die Jury verlieh dem Briten dafür den Ökonomie-Nobelpreis – und riss ihn mit dieser Kunde aus dem Schlaf.

StockholmDer diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an Angus Deaton. Er bekommt den Preis „für seine Analysen zu Konsum, Armut und Wohlfahrt“, wie es in der Begründung heißt. Der 69-jährige ist in Edinburgh geboren, ist britischer und amerikanischer Staatsbürger. Er lehrt an Princeton Universität, New York. Er galt schon vor der Auszeichnung als einer der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Entwicklungs-, Wohlfahrts- und Gesundheitsökonomie.

Überraschen konnte ihn die schwedische Jury dennoch, die ihn mit ihrem Anruf aus dem Schlaf riss. „Meine Güte, ich war ganz schön verschlafen!“ sagte der in den USA lebende britisch-amerikanische Forscher, der bei der Pressekonferenz in Stockholm per Telefon zugeschaltet war. „Ich war überrascht und erfreut, die Stimmen meiner Freunde vom Komitee zu hören“, sagte der 69-Jährige. „Es war mir natürlich wie vielen anderen Ökonomen bewusst, dass es eine Chance dafür gab.“

In der Begründung für die Preisvergabe heißt es: „Studien zum Konsum sind besonders wichtig für die ökonomische Forschung. Der Konsum definiert den Wohlstand, und er ist auch ein wichtiger Indikator, um Armut zu messen.“ Deaton hat sich vor allem mit drei wichtigen Fragen beschäftigt: Wie verteilen Konsumenten ihre Ausgaben auf verschiedene Produkte? Wieviel der Einkommen einer Gesellschaft werden ausgegeben und wieviel gespart? Wie messen und analysieren wir am besten Wohlstand und Armut? Seine Arbeit habe die Entscheidungen von Politikern beeinflusst, heißt es in der Begründung. Für eine erfolgreiche ökonomische Politik ist es wichtig, die Entscheidungen des einzelnen Konsumenten zu verstehen. Deaton hat den Zusammenhang zwischen der Wahl eines Verbrauchers und dem Ergebnis für die ganze Gesellschaft aufgezeigt. Mit diesem Wissen können beispielsweise Politiker besser einschätzen, wie sich eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf verschiedene soziale Schichten auswirkt, erklärte der Vorsitzende der Wissenschaftsakademie, Gören K. Hansson.

Deaton erforschte beispielsweise den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück. Zusammen mit anderen Forschern kam er zu dem Ergebnis, dass ab einem bestimmen Einkommen das Glücksgefühl nicht mehr steigt. Seine Forschung hat auch ganz aktuelle Bezüge. Auf die Frage, wie er die Flüchtlingskrise sieht, antwortete Deaton, dass sie ein Ergebnis Jahrhunderte langer Ungleichheit sei. „Die Menschen wollen ein besseres Leben und werden großen Druck auf die reichen Länder ausüben“, sagte der Preisträger. „Die Armut muss bekämpft und die politischen Situationen in den betreffenden Ländern stabilisiert werden.“

Er habe noch geschlafen, als er den Anruf aus Stockholm bekam. „Ich war überrascht, bin aber sehr glücklich“, sagte Deaton. Trotz großer Geheimniskrämerei vor den Bekanntgaben der einzelnen Nobelpreisträger gab es beim Wirtschaftspreis am Montag eine Panne: Bereits vier Minuten vor der offiziellen Verkündung um 13 Uhr erschien auf der Webseite der Nobel-Stiftung der Name des diesjährigen Preisträgers. Die Seite wurde schnell wieder entfernt, doch einige Medien konnten den Namen vor der offiziellen Bekanntgabe veröffentlichen.
Mit der Bekanntgabe des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften geht der diesjährige Nobelreigen zu Ende. In der vergangenen Woche waren bereits die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden bekanntgegeben worden.

Der Wirtschaftspreis wurde erst 1968 von der Schwedischen Zentralbank gestiftet und wird seit 1969 vergeben. Sein offizieller Name lautet „Preis der Schwedischen Reichsbank zum Andenken an Alfred Nobel“. Der Wirtschaftspreis hat unter allen Nobelpreisen eine Sonderstellung, denn der Preisstifter, der schwedische Industrielle und Erfinder des Dynamits Alfred Nobel, hatte in seinem Testament keinen Wirtschaftspreis vorgesehen und war auch äußerst negativ gegenüber Ökonomen eingestellt. In den vergangenen Jahren hatten deshalb mehrfach einige Nachfahren von Alfred Nobel versucht, die Preisvergabe unter Hinweis auf das Testament zu stoppen.

Alle mit acht Millionen Kronen (852.000 Euro) dotierten Preise werden am Todestag des Stifters, am 10. Dezember in Oslo und Stockholm, überreicht. Als bislang letzter Deutscher wurde 1994 der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten ausgezeichnet. Er bekam die Auszeichnung zusammen mit zwei Amerikanern für die Weiterentwicklung der Spieltheorie. Ansonsten dominieren Amerikaner die Liste der Wirtschaftsnobelpreisträger: Von den bislang ausgezeichneten 74 Preisträgern besaßen 50 einen amerikanischen Pass. Und erst ein einziges Mal wurde eine Frau mit dem Preis ausgezeichnet.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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