Wirtschaftsreformen bringen nicht den erhofften Schub
Investoren tasten sich an Nordkorea heran

Der letzte Asterix-Film soll zur Hälfte in nordkoreanischen Studios entstanden sein, die österreichische Firma Nemetscheke lässt Klaviere im kommunistischen Land fertigen und die Europäische Handelskammer in Seoul eröffnet über eine Stiftung ein Büro in Pjöngjang. Strömen also gut anderthalb Jahre nach den Wirtschaftsreformen vermehrt Investoren in das stalinistisch regierte Land?

SEOUL. Jean-Jacques Grauhar, Generalsekretär der Europäischen Handelskammer in Südkorea, verneint: Ein spürbarer Anstieg der Investitionen sei bisher nicht zu verzeichnen. „Aber es ist ein Gefühl entstanden, dass Nordkorea ein Platz werden wird, wo es einmal interessant sein könnte zu investieren.“

International wird das Land als Schurkenstaat mit Atomambitionen wahrgenommen, doch in Pjöngjang warten fertige Büroräume auf Interessenten. Zwei deutsche und eine irische Firma loten laut Grauhar derzeit ihre Chancen aus. Vor allem Infrastrukturausrüster, vom Keramiklieferanten bis zum Pumpenhersteller, hoffen auf Aufträge. „Das Potenzial ist enorm“, sagt Peter Bialas, der Geschäfte in Nordkorea einfädelt.

Doch Siegfried Scheibe von der Koreanisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer in Seoul dämpft die Erwartungen: Auf gute Geschäfte warteten ausländische Investoren schon seit Jahren. Zwar gebe es theoretisch bei der Infrastruktur und im Energienetz so viel zu tun, dass das Auftragspotenzial beachtlich sei. Doch niemand weiß, wer die dringend nötigen Erneuerungen bezahlen soll.

Im Zuge der Reformen sind unter anderem Subventionen gestrichen und Preise auf Marktniveau angehoben worden. Die Folgen sind immer noch schwer abzuschätzen. Vor allem die Motivation der Leute habe sich geändert, meint Grauhar. Die Verantwortlichen in Pjöngjang wüssten aber, dass ihnen für weitere Schritte die Kenntnisse fehlten. Besuche von Nordkoreanern beim Patentamt in München oder eine Schulung von deutschen Zollbeamten in Nordkorea sollen Basiswissen über das Funktionieren einer globalen Marktwirtschaft vermitteln.

Die Zeit drängt: Das Welternährungsprogramm warnt vor der nächsten Hungerkatastrophe ab April, weil die Spenden angesichts des Atomstreits ausbleiben. Auch viele Firmen hält der Nuklearkonflikt von einem Engagement ab. Ein weiterer Grund für versiegende Auslandsinvestments sind leere Kassen in den Geberländern, die keinen Raum für Experimente in Nordkorea lassen. So wurde eine von der Messe München veranstaltete Technologiemesse in Pjöngjang wegen mangelndem Interesses vom Frühjahr auf den Herbst verschoben.

Solange Energieknappheit die Produktion behindere und die Waren nicht schnell genug transportiert werden könnten, werde die Zahl der Investoren ohnehin begrenzt bleiben, meint Scheibe. Darüber hinaus schützten auch neue Gesetze Investoren noch immer nicht gegen die Willkür der Bürokratie.

Die größten Chancen für ein Anziehen der Investitionen in Nordkorea sieht Scheibe in den innerkoreanischen Projekten. 2 000 ausländische Firmen sollen in der Sonderwirtschaftszone Kaesong in einigen Jahren hunderttausende Nordkoreaner beschäftigen. Größter Investor ist die südkoreanische Hyundai Asan.

Die Beziehungen zwischen den beiden Koreas intensivieren sich. 2003 stieg Nordkoreas Handel in den Süden um fast ein Fünftel auf 750 Mill. Dollar. Damit rückt Südkorea näher an Nordkoreas wichtigsten Wirtschaftspartner China. Dagegen nimmt die Bedeutung Japans rapide ab. Diesen Trend dürfte ein neues Gesetz noch verstärken, mit dem Japan Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea verhängen und so etwa Überweisungen nach Nordkorea unterbinden kann. Die Regierungspartei erwägt zudem ein Gesetz, das den Schiffsverkehr stärker regulieren soll. Und angesichts der enorm nordkorea-kritischen Stimmung in Japan hat etwa das Textilunternehmen Aoki den Import von in Nordkorea gefertigten Anzügen bereits völlig eingestellt.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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